Facebook überwacht Kommunikation

“I prefer my E-Mails to be mine”, schrieb mir von ein paar Jahren ein kanadischer Kollege, mit dem ich über Facebook in Kontakt kam, als Begründung warum er unseren Austausch nicht über die private Nachrichtenfunktion von Facebook fortsetzen wollte. So richtig sind deine Mails ja nie deine, schrieb ich zurück, denn solange sie auf irgendwelchen Servern lagern kann immer jemand ran. Wenn auch vielleicht nur theoretisch.

Vertrauen

In der Folge dachte ich öfter darüber nach, warum ich trotzdem meinen Webmail Anbieter nicht in Verdacht hatte, meine Mails zu lesen oder gar auszuwerten, Facebook aber schon. Denn im Grunde ging es mir ähnlich wie dem kanadischen Kollegen. Greifbare Anhaltspunkte gab es allerdings weder für das Vertrauen noch für das Misstrauen.

Misstrauen begründet

Nun stellt sich heraus, zumindest das Misstrauen gegenüber Facebook war begründet. Presseberichten aus der letzten Woche zufolge wertet Facebook  nach eigenen Angaben in großem Umfang die auf der Plattform ausgetauschten privaten Nachrichten aus. Durch eine Software ist Facebook offenbar in der Lage, automatisiert private Chats und Nachrichten auf Schlüsselbegriffe hin zu durchsuchen. Tauchen Begriffe auf, die „alarmierend“ erscheinen, werden die User den Behörden gemeldet. Angeblich würden nur Unterhaltungen zwischen „auffälligen Gesprächspartnern“ überwacht. Nach der Definition von Facebook sind das Mitglieder, die beispielsweise unterschiedlich alt sind und keine gemeinsamen Freunde im Netzwerk haben. Zur Rechtfertigung dieses Tuns führt Facebook die Verhinderung von Sexualstraftaten an: http://www.reuters.com/article/2012/07/12/us-usa-internet-predators-idUSBRE86B05G20120712

Schlechte Nachrichten

Die gute Nachricht ist: nun wissen wir, was getan wird. Aber das ist auch das einzige, was in diesem Zusammenhang entfernt positiv ist. Nun wissen wir: Wir stehen alle unter Verdacht und niemand garantiert uns, dass nicht demnächst bei uns die Polizei vor der Tür steht, weil wir auf Facebook einen falschen Satz geschrieben haben. Im Zweifel bin ich verdächtig, wenn ich mich mit einem Bekannten über Brustkrebs austausche. Brave New World! Kommunikation ist einfach wie nie, Überwachung ist einfach wie nie. Da regen wir uns über die Diktaturen dieser Welt auf, und haben eine von ihnen jeden Tag auf unserem Computer.

Weitere Links:

http://www.internetworld.de/Nachrichten/Medien/Social-Media/Facebook-Software-scannt-Chatprotokolle-und-Nachrichten-Aufdecken-von-Straftaten-67718.html

http://www.sueddeutsche.de/digital/privatsphaere-im-netz-facebook-durchsucht-chat-protokolle-nach-straftaten-1.1411552

 

 

Über Paula Coehler
Ich bin seit vielen Jahren als Beraterin in Sachen Datenschutz, Datensicherheit, Neue Medien und Urheberrecht tätig. Ich bin Juristin, lebe, arbeite und schreibe in Hamburg. Mich interessiert die Verbindung meiner praktischen Erfahrung mit den theoretisch-politischen Konzepten zum Datenschutz und zum Recht allgemein. Mein Name ist ein Pseudonym - nicht weil ich, wie viele immer noch meinen, hier Dinge schreibe, die ich mich unter Klarnamen nicht zu schreiben traute. Sondern weil es mir so einfacher gelingt, meine Ansprüche an meine eigenen Texte auf ein Normalmaß zu reduzieren. Und weil ich auf diese Weise auch mal über Ereignisse bei Auftraggebern berichten kann, die ich zuvor angemessen verfremde. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, real existierenden Unternehmen oder Ereignissen sind daher rein zufällig.

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