Live From Bagdad

Manchmal denke ich daran, dass die Telefone in meiner Kindheit grau waren, eine Wählscheibe hatten und einen schweren Hörer, der an einer gedrehten Schnur hing. Die Wählscheibe verursachte beim Wählen der Nummer so ein ratternd-klackerndes Geräusch, das ich heute noch im Ohr habe. Jede Einheit kostete einzeln und Ferngespräche waren teuer. Wollte ich meine Gastfamilie in Amerika anrufen, ging ich noch Ende der Achtziger Jahre in eine Telefonzelle und benutzte zur Kostenkontrolle eine Telefonkarte, die ich zuvor mit 50 Mark aufgeladen hatte.

Die grauen Telefone meiner Kindheit

Letztes Wochenende wurde ich wieder an die Telefone meiner erinnert. Und an den Datenschutz. Beides fügte sich auf unterhaltsame Weise in einem langjährigen Freund zusammen, den ich kenne, seit wir beide dreizehn Jahre alt waren. Wir saßen in einem vollen Restaurant beim Essen, ziemlich dicht neben einem Ehepaar um die sechzig, das sich geschlagene zwei Stunden anschwieg und dafür aber umso genauer unsere Unterhaltung mit zu hören schien. Mein Freund berichtete mir von seiner neuen Liebe, einem Amerikaner, der als IT-Spezialist in Bagdad für irgendeine Firma arbeitet, die wiederum Dienstleister für das Militär ist. Was genau er dort tut ist ein großes Geheimnis. Er habe auch viele Jahre als Immobilienmakler gearbeitet, nur so viel habe er noch verraten. Welche IT-Firma stellt einen 50jährigen ein, der vorher Makler war? sagte ich zu meinem Freund, den ich hier Hans nenne. Das hört sich für mich eher an, als ob du dich in einen Spion verguckt hättest.

Fernliebe in Zeiten der Überwachungsmöglichkeiten

Ich merkte an, dass ich mit so jemandem nicht ohne Weiteres online kommunizieren würde, als Hans berichtete, neulich habe sich sein E-Mail Programm so komisch verhalten und habe während des Schreibens seine Worte gelöscht. Soll doch dein Liebster mal für eine gesicherte Verbindung sorgen! sagte ich. Hans konnte meine Bedenken nicht so richtig nachvollziehen. Wen sollten denn schon ein paar Liebeserklärungen und sexuelle Phantasien interessieren? Er hatte überhaupt keine Vorstellung davon, was technisch alles möglich ist, wenn erst mal jemand unberechtigten Zugriff auf seinen Rechner hat. Und er wähnte sich in Sicherheit – frei nach dem Motto, „Ich tue niemandem was, also wird mir auch niemand was tun“.

Privatsphäre?

Doch ein wenig nachdenklich geworden ob meiner Vorträge über IT-Sicherheit im Allgemeinen und die Bösartigkeit von Geheimdiensten im Besonderen zückte er dann kurz darauf – anscheinend völlig unbeeindruckt von unseren Mithörern – sein iPhone, warf Skype an und sagte, ich könne seinem Lover das mit der gesicherten Kommunikation ja gleich mal selber erklären, er hätte ihm eh noch einen Anruf versprochen. Ich lehnte dankend ab und verdrückte mich vorläufig auf die Toilette. Das hinderte Hans dann aber nicht, mir nach meiner Rückkehr ein verpixeltes Live-Bild aus Bagdad vor die Nase zu halten, auf dass der Amerikaner wenigstens einen optischen Eindruck von mir bekomme: „I show you my friend …“ und dann folgten Liebeserklärungen in einem dicht besetzten Restaurant. Datenschutz? dachte ich seufzend. Privatsphäre? War da was?

Nur im Kopf

Als wir ein paar Tage später noch mal darüber sprachen, regte sich mein Freund mehr über das lauschende Paar am Nebentisch auf, als über alle real bestehenden Szenarien der technischen Überwachung, die ich ihm geschildert hatte. Eigentlich würden wir doch bei einem simplen Restaurantbesuch viel mehr von uns preisgeben, warum also noch Datenschutz? Weil unsere Geschichten nach dem Restaurantbesuch nur in den Köpfen der sprachlosen Alten sind, antwortete ich. Nicht online abrufbar, nicht verknüpfbar mit anderen Informationen über uns, nicht lebenslänglich gespeichert und für alle Welt verfügbar. Darum Datenschutz. Unter anderem.

Datenschutz im Internet – Wie wir unsere Privatsphäre doch schützen können

Quelle: SPIEGEL ONLINE, 28.10.2011

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,794427,00.html

Von Hannah Pilarczyk

Sofort raus aus Facebook? Wer Datenschutz wichtig findet, scheint zurzeit auf verlorenem Posten zu sein – schließlich haben Internetexperten wie Jeff Jarvis das Zeitalter der “Post-Privacy” ausgerufen. Doch es geht auch anders – entscheidend ist, dass man den Kontext nicht aus dem Blick verliert.

Zwei Ordnungsprinzipien werden in der Debatte um Datenschutz im Internet oft durcheinandergewirbelt: Zugang und Kontrolle. Wem mache ich meine Daten zugänglich? Was darf er mit ihnen machen? Obwohl dies zwei sehr unterschiedliche Fragen sind, werden sie selten getrennt beantwortet – was weitreichende Konsequenzen hat.

Gerade die lautesten Post-Privacy-Advokaten wie Jeff Jarvis oder Christian Heller umgehen nämlich diese Differenzierung. Beide behaupten, Verstöße gegen das Kontrollprinzip (“Facebook hat meine Daten an Dritte weitergegeben”) würden auch das Zugangsprinzip hinfällig machen (“Dann kann ich’s ja gleich öffentlich posten”). Weil sie selber keine Differenzierungen beim Problemaufriss vornehmen, lassen sie daraus folgen, dass es auch keine differenzierten Lösungen geben könnte.

“Vergesst die Privatsphäre!” ist ihr provokantes, im Grunde aber ratlos machendes Motto. Denn letztlich nimmt es die Politik aus der Verantwortung und überlässt es dem einzelnen User, ein soziales Problem individuell zu lösen.

Für den, dem noch am Datenschutz gelegen ist, ergibt sich daraus eigentlich nur eine Konsequenz: Sofortausstieg aus allen Social Networks und sonstigen digitalen Diensten. Doch ist das wirklich praktikabel? Tatsächlich haben diese Angebote in unserem Leben doch eine so wichtige Rolle eingenommen, dass sie aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken sind. Komplettausstieg ist deshalb keine realistische Option. Aber auch konzeptionell überzeugt die Forderung nach Online-Abstinenz nicht. Sie verkennt nämlich, dass Privatsphäre im Kern etwas höchst soziales ist.

Der Kellner darf nicht mitreden

Das zeigt sich schon an einem sehr einfachen Beispiel – nämlich einem Menschen, der auf einer einsamen Insel gestrandet ist. Keine seiner Handlungen wird von einem anderen Menschen beobachtet, geschweige denn aufgezeichnet. Dennoch würde man hier nicht von Privatsphäre sprechen, denn die entsteht nur in Abgrenzung zu Öffentlichkeit.

Gleichzeitig gibt es aber auch Privatsphäre innerhalb von Öffentlichkeit. Das klingt kompliziert, wird aber von uns täglich gelebt. Ein Beispiel dafür ist das Gespräch im Restaurant. Auch wenn wir uns für einen öffentlichen Ort als Treffpunkt entschieden haben, erwarten wir, dass wir uns ungestört mit unserer Begleitung unterhalten können und weder die Tischnachbarn noch die Bedienung sich einschalten.

Denselben Anspruch müssen wir auch hinsichtlich der neuen Medien erheben können, fordert Helen Nissenbaum. Die New Yorker Kultur-und Kommunikationswissenschaftlerin hat mit ihrem Buch “Privacy in Context” eine der interessantesten Analysen zu Überwachung und Datenschutz geschrieben. Sie ist der Überzeugung, dass es nicht sinnvoll ist, Privatsphäre und Öffentlichkeit theoretisch zu definieren. Die Bedeutung beider Konzepte würde sich vielmehr erst aus dem jeweiligen sozialen Zusammenhang erschließen, in dem Informationen fließen.

So sind wir froh, wenn unser Arzt Einblick in unsere detaillierte Krankenakte hat und auf dieser Grundlage eine Diagnose erstellen kann. Dieselben Informationen frei verfügbar im Internet wären hingegen ein Alptraum. Genauso macht es uns nichts aus, wenn jemand in der Schlange im Coffeeshop sieht, wie wir einen Soja Chai Latte kaufen. Würde sich dieser jemand aber unsere Bestellung notieren und sie mit denen der vergangenen Tage vergleichen, wären wir empört.

Welcher Zusammenhang wird verletzt?

Nissenbaum plädiert deshalb dafür, eine neue Anwendung zum Beispiel auf Facebook nicht danach zu bewerten, ob sie die Privatsphäre an sich verletzen würde. Der bessere Maßstab wäre ein Konzept, das sie “contextual integrity” nennt – die Unversehrtheit des Kommunikationskontextes. Dieses Konzept erscheint zunächst eher akademisch, ist aber in Wirklichkeit eine sehr praktische Orientierungshilfe bei der Beurteilung, wann unsere Privatsphäre verletzt wird.

Für Nissenbaum hat contextual integrity vier Bestandteile.

Erstens den sozialen Zusammenhang, in dem kommuniziert wird – das Krankenhaus bildet zum Beispiel einen medizinischen Zusammenhang, innerhalb dessen über die Gesundheit eines Patienten gesprochen wird.

Zweitens die wichtigsten Akteure, die an der Kommunikation beteiligt sind – in diesem Beispiel Arzt und Patient.

Dritter Bestandteil ist die Qualität der Informationen – wird nur über Blutwerte gesprochen oder auch persönliches?

Viertens gehören zu contextual integrity die Übertragungswege von Informationen – ob man sich mündlich austauscht oder E-Mails schreibt.

Laut Nissenbaum können wir erwarten, dass in einem Kommunikationskontext diese vier Bestandteile nicht ohne unsere Zustimmung verändert werden. Geschieht dies trotzdem, werden der Kommunikationskontext und damit auch unsere Privatsphäre verletzt.

Ansatzpunkte für neue Gesetze

Um im Beispiel zu bleiben: Wird zu einem Patientengespräch plötzlich ein Vertreter der Pharmaindustrie dazu gebeten, ändert sich sowohl der soziale Zusammenhang – schließlich geht es plötzlich auch um wirtschaftliche Interessen – als auch der Kreis der beteiligten Akteure. Nach dem Konzept der contextual integrity kann der Patient zu Recht geltend machen, dass seine Privatsphäre verletzt wurde.

Gleiches gilt auch für Veränderungen in den Anwendungen oder Geschäftsbedingungen von Social Networks. Können plötzlich Dritte unsere Daten einsehen oder werden Informationen an Werbekunden weitergegeben, ohne dass wir dem explizit zugestimmt haben, ist unsere berechtigte Erwartung, dass der Kommunikationskontext unversehrt bleibt, nicht erfüllt worden. Ein Verstoß gegen unsere Privatsphäre liegt vor.

Viele Änderungen in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen oder Sicherheitseinstellungen von SchülerVZ oder Facebook lassen sich nach diesem Modell als Verstöße gegen die Privatsphäre werten. Das hat noch keine rechtlichen Folgen, zeigt aber auf, wo gesetzliche Neuregelungen ansetzen könnten.

Ob diese letztlich praktikabel sind? Das lässt sich vorab schwer beurteilen. Bevor man im großen Stil das Zeitalter der Post-Privacy ausruft, kommt man aber nicht umhin anzuerkennen, dass das Konzept der Privatsphäre doch etwas gehaltvoller ist, als es einem lieb ist.

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Streit um Staatstrojaner – Opposition attackiert Innenminister

Quelle: suedeutsche.de, 12.10.2011

http://www.sueddeutsche.de/bayern/streit-um-staatstrojaner-opposition-attackiert-innenminister-1.1160602

Von Frank Müller und Marlene Weiss

SPD und Grüne attackieren Innenminister Herrmann: Mit dem Einsatz des Staatstrojaners habe sich der Innenminister “kaltschnäuzig” über Gerichtsbeschlüsse hinweggesetzt. Jetzt fordern sie eine umfassende Aufklärung über den Einsatz.

Der Einsatz fragwürdiger Computer-Spähprogramme sorgt bei den Landespolitikern für erregte Debatten. Am Dienstag sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU), bis zum Abschluss der Datenschutz-Überprüfung werde es keine Überwachungsmaßnahmen mehr geben. Die Fraktionen von Grünen und SPD fordern in Dringlichkeitsanträgen eine umfassende Aufklärung im Plenum des Landtages am Mittwoch. Die SPD forderte, künftig nur mit der Rechtsprechung des Verfassungsgerichts konforme Software einzusetzen.

Die Software sollte nur verschlüsselte Online-Telefongespräche abhorchen – man nennt das Quellen-Telekommunikationsüberwachung (TKÜ). Darüber hinaus machte sie alle 30 Sekunden eine Bildschirmaufnahme, was das Landgericht in Landshut im Januar für rechtswidrig hielt.

Am heikelsten ist die nach Angaben des Chaos Computer Club im Trojaner versteckte Funktion, die es erlaubt, den Computer nahezu fernzusteuern. Denn das ist Online-Durchsuchung, die nur zur Gefahrenabwehr erlaubt ist, nicht zur Strafverfolgung.

Herrmann bestreitet, dass es die Funktion gebe. Die Grünen im Landtag sind dennoch empört: Herrmann habe “kaltschnäuzig” darüber hinweggetäuscht, dass es mit dem Beschluss des Landshuter Landgerichts ein klares Verbot für das Abgreifen von Screenshots gebe, sagte Innenexpertin Susanna Tausendfreund.

Quellen-TKÜ und Online-Durchsuchung müssen klar getrennt bleiben”, sagt der FDP-Landtagsabgeordnete Andreas Fischer. “Es darf keine Online-Durchsuchung durch die Hintertür geben.” Auch die Screenshots gehen für ihn zu weit: “Ich habe gleich nach der Landshuter Entscheidung gesagt, dass das nicht geht, diese Position vertrete ich jetzt erst recht – diese Software kann mehr, als sie können darf.”

Das Innenministerium sieht die Dinge anders, und argumentiert, dass es noch kein höchstrichterliches Urteil zu Bildschirmaufnahmen gibt. Zudem fällte das Landgericht in Landshut nur einen Beschluss auf eine Beschwerde hin; damit handelt es sich nach Angaben des bayerischen Justizministeriums um einen rechtlich nicht allgemein bindenden Einzelfallentscheid. “Ich hätte mir aber gewünscht, dass man die Software vorerst nicht mehr einsetzt”, sagt Fischer.

Franz Schindler, Vorsitzender des Rechtsausschusses im Bayerischen Landtag, hält eine Trennung von Quellen-TKÜ und Online-Durchsuchung prinzipiell für unmöglich. “Man kann keine Software entwickeln, die nur das Erlaubte tut, ohne andere Lücken zu reißen “, sagt er. Dass das LKA sich darüber im Klaren war, was es da einsetzte, glaubt er nicht: “Das war eher Schludrigkeit”, sagt er. Die Einsätze wurden jedoch auch nach dem Gerichtsentscheid fortgesetzt, mindestens bis zur ersten Anfrage der Landtags-Grünen im Februar 2011.

Jetzt soll der Landesbeauftragte für Datenschutz, Thomas Petri, die Sache klären. Dass er nicht gleich nach dem Landshuter Beschluss tätig geworden sei, liege an einer Besonderheit im bayerischen Datenschutzgesetz, sagt Petri: “Ich darf nicht in laufende Ermittlungen eingreifen.” Wenn er einmal während des Verfahrens und einmal anschließend prüfe, um die Änderungen zu kontrollieren, arbeite er doppelt. “Im Kommunalbereich und von den Durchsetzungsmechanismen her ist Bayern Spitze”, sagt er. “Aber weltanschauungsbedingt gibt es bei der Inneren Sicherheit natürlich Unterschiede zwischen der Sicht des Landesbeauftragten und der des Innenministers.”

Joachim Hanisch (Freie Wähler) will jetzt das Untersuchungsergebnis abwarten: “Es ist nicht erwiesen, dass die richterliche Anordnung überschritten wurde.” Für Manfred Ländner (CSU) ist dagegen schon klar, dass die Vorgänge “nicht gebilligt werden dürfen”. Am deutlichsten wird Aleks Lessmann von der Piratenpartei Bayern: “Ein Staat, in dem Behörden meinen, sie stünden über Recht und Gesetz, ist kein Rechtsstaat, sondern eine Bananenrepublik”, sagt er.

Datenschutz – Bayerns Polizei wehrt sich gegen Trojaner-Affäre

Quelle: Augsburger Allgemeine, 12.10.2011

http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Bayerns-Polizei-wehrt-sich-gegen-Trojaner-Affaere-id17091606.html

 

Innenminister Herrmann weist Vorwürfe zurück, stoppt aber Einsatz umstrittener Software. Von Uli Bachmeier

 

Alarmstimmung bei der bayerischen Polizei: Innenminister Joachim Herrmann (CSU), der Präsident des Landeskriminalamts, Peter Dathe, und Landespolizeipräsident Waldemar Kindler stemmten sich gestern Nachmittag gemeinsam gegen die Vorwürfe, die im Zusammenhang mit der möglichen Affäre um den Einsatz staatlicher Spionage-Software aus allen Ecken der Republik erhoben werden.

 

In einer eilig einberufenen Pressekonferenz betonte Herrmann: “Unsere Maßnahmen bewegten und bewegen sich stets im Rahmen der Legalität.” Dathe versicherte, dass die eingesetzte Software ausschließlich auf das “Abgreifen” der Telekommunikation ausgerichtet war. Kindler beteuerte, dass es sich in den fünf Fällen jeweils um schwere Kriminalität gehandelt habe.

 

In entscheidenden Streitpunkten allerdings agieren die obersten bayerischen Gesetzeshüter noch in der Defensive. Den Vorwurf des Chaos Computer Clubs, die von Bayern eingesetzte Software sei auch dazu geeignet, rechtswidrige Ausforschung zu betreiben, konnten sie noch nicht widerlegen. “Wir können das im Moment nicht nachvollziehen”, sagte Dathe. Die vom LKA eingesetzte Software – in allen Fällen auf Antrag der Staatsanwaltschaft und gestützt auf richterlichen Beschluss – sei stets genau auf das “Zielsystem” abgestimmt gewesen. Herrmann sagte: “Das sind pauschale Vorwürfe, ohne dass klar wird, wo eigentlich das Problem liegt.”

Unterschiedlichen Rechtsauffassungen

 

Ein weiterer Streitpunkt ergibt sich aus einem Fall in Landshut, der bereits mehrfach im Landtag diskutiert worden ist. Zwar hatte das dortige Landgericht das Abhören der Telekommunikation via Internet für rechtmäßig, das Anfertigen sogenannter “Screenshots” aber für rechtswidrig erklärt. Dieses Urteil ist nach Angaben der Grünen rechtskräftig. Herrmann spricht dagegen von “unterschiedlichen Rechtsauffassungen”, die erst noch höchstrichterlich überprüft werden müssten. Die Innenexpertin der Grünen, Susanna Tausendfreund, nennt diesen Standpunkt Herrmanns “ziemlich kaltschnäuzig”.

 

Die Grünen kritisieren außerdem, dass die Spionage-Software auch Zwecken dienen könne, die eindeutig verfassungswidrig sind – etwa das Einschalten von Kamera oder Mikrofon oder die heimliche Manipulation von Daten auf den Computern der überwachten Personen. Allein die Installation einer derartigen Software, so Tausendfreund, müsse “hellhörig” machen. Der grüne Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz fragte: “Wenn alles rechtmäßig ist und wenn man sie gar nicht nutzen wollte, warum sind diese Funktionen dann in Auftrag gegeben worden?”

 

Diese und weitere Fragen werden in Landtag und Bundestag wohl noch für einige Debatten sorgen. Die Verantwortlichen in Bayern haben gestern schon mal erste Konsequenzen gezogen. Zunächst soll die strittige Software vom Bayerischen Datenschutzbeauftragten daraufhin untersucht werden, wozu sie eingesetzt werden kann. Außerdem verzichtet Bayern, so wurde gestern im Innenministerium versichert, auf den Einsatz der Spionagesoftware.

 

Innenminister Herrmann machte allerdings auch klar, dass er vor den Problemen, die aus den neuen Techniken erwachsen, nicht zurückweichen werde. Statt Telefon benutzten Straftäter vermehrt verschlüsselte Kommunikationswege. Herrmann: “Sollen wir davor kapitulieren und sagen, da findet keine Überwachung statt? Da sage ich: Das kann nicht sein.”

 

Staatstrojaner – wer kontrolliert die Kontrolleure?

Die Entdeckung und Analyse des sogenannten Bundestrojaners durch den Chaos Computer Club sind erschreckend, denn sie zeigen, welche Auswirkungen aktives und passives Fehlverhalten in der schönen neuen digitalen Welt haben kann.

Die Analysen der offensichtlich im Auftrag oder zumindest mit Duldung einer dem Bundesinnenministerium unterstellten Bundesbehörde zeigen aber auch einige andere Zusammenhänge und Defizite auf.

Die Sprecher des Chaos Computer Clubs fordern klare gesetzliche Regelungen zum Schutz vor verfassungswidrigem Handeln und Unterlassen – zu Recht.

Diesen Mangel und entsprechenden Handlungsbedarf monieren auch Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger und der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar seit Langem (http://experts4dataprotection.wordpress.com/?s=peter+schaar).

Das Bundesverfassungsgericht hat dem Handeln der Bundesregierung ebenfalls bereits 2008 deutlich Grenzen gesetzt. Diese Grenzen haben die Bundesbehörden in nicht zu tolerierender Form überschritten, die den Dienstherren, den Bundesminister des Innern, auf den Plan rufen muss.

Auch ich bin gespannt auf das, was der Bundesinnenminister zu diesem Fall sagen wird: Aber ganz ehrlich, ich erwarte nichts Gutes.

Bundesminister Dr. Hans-Peter Friedrich hat sich seit seinem Amtsantritt im März dieses Jahres vor allem als Hardliner und Law-and-Order-Mann gegeben, dem keine populistische Überwachungs- und Kontrollmaßnahme zu billig war, um sie vor laufenden Mikrofonen und Kameras zu propagieren.

Er ist zwar Jurist, aber das Verfassungsrecht scheint unbemerkt an seiner Ausbildung vorbeigeschwebt zu sein.

Erwarten wir jetzt die Wandlung vom Saulus zum Paulus?

Das Beste, was uns – aus dieser “Panne” resultierend – passieren kann, wäre, dass dieser Fall zu einer Veränderung des Bewusstseins im Hinblick auf die Notwendigkeit von Datenschutz und aktiver Ausübung der eigenen Verantwortung bei uns allen führt.

Computersicherheit – Unverschlüsselte Passwörter: Massives Datenleck alarmiert Web-Firma Hetzner

Quelle: SPIEGEL ONLINE, 08.10.2011

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,790666,00.html

 

Bei der Hetzner Online AG, Spezialist für Web-Hosting, gab es über Monate ein massives Sicherheitsproblem. Nach Informationen des SPIEGEL waren hochsensible Daten des Unternehmens und von dessen Kunden leicht zugänglich. Listen mit Passwörtern blieben sogar unverschlüsselt.

 

Hamburg – Einer der größten deutschen Webhoster und Betreiber von Rechenzentren, das bayerische Unternehmen Hetzner Online AG, hatte über Wochen und Monate hinweg offenbar ein massives Sicherheitsproblem auf seinen Rechnern. Computerspezialisten konnten mit relativ einfachen Mitteln auf die Daten von Hetzner und Tausenden Kunden zugreifen.

 

Dem SPIEGEL liegen Datenproben vor, die belegen, dass Kundendaten, E-Mail-Korrespondenz und Bankverbindungen zugänglich waren. Selbst hochsensibler Schriftverkehr mit Polizeibehörden und Listen mit Passwörtern für diverse weitere Server des Unternehmens lagen teilweise unverschlüsselt auf den zugänglichen Rechnern.

 

Nachdem der SPIEGEL das Unternehmen am Mittwoch auf die Datenlücke aufmerksam gemacht hatte, forderte Hetzner Tausende Kunden per Brandbrief auf, ihr Passwort zu ändern. Geschäftsführer Martin Hetzner versicherte, dass eine bekannte Lücke inzwischen geschlossen sei und man daran arbeite, mögliche weitere Schwachstellen zu eliminieren.

 

Entdeckt wurde das Sicherheitsproblem von dem Mainzer Medienunternehmer Tobias Huch, der bereits vor drei Jahren in einer anderen Datenaffäre eine maßgebliche Rolle gespielt hatte. Huch hatte zuvor rund 17 Millionen Kundendaten der Telekom im Internet aufgespürt.

 

Den Fall Hetzner schätzt Huch sogar noch größer ein, weil neben den direkten Hetzner-Kunden, zu denen laut Referenzliste Unternehmen wie Sony, Buch.de oder der Internetreiseveranstalter Opodo gehören, auch deren Kunden betroffen sein könnten.

 

Die Hetzner Online AG gehört zu den größten Webhostern in Deutschland. Sie stellt Großkunden und Privatleuten Internetpräsenzen, Rechner und spezielle Programme zur Verfügung, mit denen sie dann auf relativ einfache Weise Internetgeschäfte abwickeln oder Inhalte präsentieren können.

 

Datenschützer Schaar: “Der Staat erfährt immer mehr über uns”

Ein exzellentes Interview mit dem Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar haben die Stuttgartern Nachrichten veröffentlicht:
Sehr lesenswert!

Quelle: Stuttgarter Nachrichten, 01.10.2011, Daniel Gräfe

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.datenschuetzer-schaar-der-staat-erfaehrt-immer-mehr-ueber-uns.a6564399-7c8d-4cf4-ba53-9011a686fdc8.html

Stuttgart – Peter Schaar gibt ungern viel über sich preis. Bei der Datensicherheit ist er aber offenherzig: Politik und Wirtschaft würden zu wenig dafür tun, sagt der Bundesbeauftragte für Datenschutz. Stattdessen legten Internetkonzerne bedenkliche Persönlichkeitsprofile von uns an.

Herr Schaar, wie sind Sie im Internet unterwegs?

Ich habe mich in verschiedenen Netzwerken angemeldet, nutze sie aber eher als Experimentierfeld. Ich kann ja als Datenschützer nicht wie ein Blinder über die Farbe reden. Aber ich gebe recht wenig über mich preis – zumindest bemühe ich mich darum.

Sie nutzen keine Pseudonyme?

Doch. Wenn es um private Themen geht, zum Beispiel in Foren. Andere brauchen ja nicht jede meiner Erfahrungen zu kennen, über die ich mich austausche.

Geben Sie Ihr reales Geburtsdatum an?

Nein, das versuche ich zu vermeiden. Aber das wurde schon einmal ohne mein Zutun hinzugefügt – ich habe keine Ahnung, woher die Information stammte.

So weit kann es mit der informationellen Selbstbestimmung nicht her sein.

Stimmt, man hat es nicht immer in der Hand, wer was über einen weiß und wie er mit diesen Informationen umgeht. Wenn man dazu noch etwas bekannter ist wie ich, dann ist es noch wahrscheinlicher, dass ein Dritter Informationen oder gar Fotos über einen einstellt. In einem Fall wurde ich gar als katholischer Messdiener in einem Netzwerk markiert – der ich nun wirklich niemals war.

Zumindest haben Sie davon erfahren. Müsste es nicht ein einfaches und zentrales Internet-Auskunftsrecht für jedermann geben?

Es gibt ja bereits einen datenschutzrechtlichen Anspruch: Jeder, der über mich etwas speichert, ist verpflichtet, mir darüber grundsätzlich kostenlos Auskunft zu geben. Ein Zentralregister wäre aber problematisch, weil dann zuerst alle Daten gebündelt werden. Aber es ist sicherlich sinnvoll, den eigenen Namen ab und zu selbst in eine Suchmaschine einzugeben, um zu wissen, was andere mit einem Klick über mich erfahren können.

Googlen Sie sich oft?

Von Zeit zu Zeit. Aber das macht ja auch meine Sprecherin für mich.

Daten können im Netz sein – auch wenn man es gar nicht nutzt

Und? Finden Sie als Datenschützer genügend Resonanz?

Die Leute machen sich heute mehr Gedanken als früher, wie sie ihre Daten schützen. Aber natürlich wünsche ich mir eine noch intensivere Beschäftigung mit diesem Thema. Jeder ist betroffen – von der Wiege bis zur Bahre. Selbst wer das Internet selbst nicht nutzt – seine Daten könnten dennoch im Netz verfügbar sein.

Was sagt Ihnen als Datenschutzbeauftragter der Siegeszug der Piratenpartei?

Dass das Internet und die virtuelle Welt politisch bedeutsamer werden. Zumindest in einem Wählersegment, das überwiegend männlich und jung ist. Aber das wird sich auch in andere Generationen ausbreiten.

Entsteht eine digitale Kluft im Land?

Ja, vor allem zwischen Jung und Alt und nach Bildungsgrad. Das Internet ist kein automatischer Integrator oder Gleichmacher – ganz im Gegenteil. Die Unterschiede, die es in der realen Welt gibt, existieren auch hier. Und werden sogar stärker, vor allem zwischen den Generationen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem zentralen Widerspruchsregister der Wirtschaft? Dort kann man zum Beispiel Einspruch erheben, wenn das Haus bei Geodatendiensten wie Google Street View auftaucht.

Ich finde es ja gut, wenn sich Unternehmensverbände dazu verpflichten, den Datenschutz zu verbessern. Allerdings ist es nicht einzusehen, weshalb die Bundesregierung sich hier heraushält – sie müsste die Nichtbeachtung sanktionieren. Zu viele Firmen gehen mit dem Datenschutz zu lax um. Außerdem reichen die Verpflichtungen noch längst nicht aus – da sind die Unternehmensinteressen zu stark.

Die Regierung beugt sich also den Lobbyisten?

In der letzten Legislaturperiode wurden die Datenschutzvorgaben verbessert. Heute sehe ich nicht die nötige Energie, das wie erforderlich voranzubringen. Das ist unbefriedigend. Der Gesetzgeber muss endlich handeln.

Was fordern Sie?

Es sollte z. B. verboten werden, Persönlichkeitsprofile hinter dem Rücken der Betroffenen zu erstellen.

Google und Facebook im Fokus

Was heißt das?

Wenn über den konkreten Nutzungszweck hinaus Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt werden, um die persönlichen Interessen einer Person zu katalogisieren. Das sollte nur zulässig sein, wenn der Betroffene zuvor eingewilligt hat. Auch das heimliche Orten von Smartphones und anderen mobilen Geräten und damit ihrer Besitzer muss verhindert werden.

Damit attackieren Sie das Geschäftsfeld von Google & Co.

Dann müssen die Geschäftsmodelle eben verändert werden. Der Schutz der Gesellschaft ist wichtiger als der Schutz von zweifelhaften Geschäftspraktiken. Da werden Daten zusammengeführt, von denen die meisten Nutzer nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt. Besonders kritisch sehe ich es, dass ganz wenige globale Unternehmen wie Google und Facebook Zugang zu immer mehr Daten von immer mehr Nutzern bekommen und diese Daten bündeln.

Wie gut ist Ihr Draht zur amerikanischen Regierung?

Ich diskutiere mit der Federal Trade Commission und auch anderen amerikanischen Regierungsstellen über den Datenschutz, zuweilen auch kontrovers. Beim Datenschutz im nichtöffentlichen Bereich bewegen wir uns ein Stück aufeinander zu. Bei staatlichen Datensammlungen – zum Beispiel bei der Übermittlung von Flugpassagier-Daten oder von Daten bei Finanztransaktionen – haben wir ein grundlegend unterschiedliches Verständnis. Das ist schwierig zu überbrücken.

Könnten die großen amerikanischen Firmen dazu verpflichtet werden, die Daten von deutschen Nutzern besser zu schützen?

Darauf wirken wir hin. Unternehmen, die in Deutschland Geschäfte machen und die Daten deutscher Nutzer erhalten, müssen sich auch an deutsches Recht halten. Gegebenenfalls muss das geändert werden. Auch die Europäische Kommission arbeitet an einer entsprechenden Neuregelung für Europa.

Facebook will mit seiner Funktion “Timeline” künftig die komplette Lebensgeschichte der Nutzer dokumentieren. Was halten Sie davon?

Es werden immer mehr Lebensbereiche ins Netz gezogen und auf der jeweiligen Plattform ausgewertet. Das sehe ich äußerst kritisch. Facebook und Google liefern sich einen Wettbewerb, wer den Nutzer am umfassendsten registriert. Davor kann ich nur warnen.

Müssen wir uns damit abfinden, dass Informationen über uns im Internet immer zugänglich bleiben werden?

Abfinden müssen wir uns mit gar nichts. Die Frage ist, ob wir technisch 100-prozentig verhindern können, dass von dritter Seite Daten kopiert und wieder eingestellt werden können. Da bin ich eher skeptisch. Trotzdem macht es Sinn, wenn sich Wissenschaftler darüber Gedanken machen, wie man eine Art digitalen Radiergummi konstruieren kann, mit denen sich einmal veröffentlichte Daten wieder aus dem Internet entfernen lassen.

Geheimdienst in komfortabler Situation

Lassen Sie uns Science-Fiction spielen. Werden wir in einigen Jahren noch die Kontrolle über unser eigenes digitales Leben haben?

Die Frage ist schon heute, ob wir sie haben. Es gibt Geschäftsmodelle, die ein genaues digitales Abbild unseres Lebens erfassen wollen. Um diese Informationen zu Geld zu machen. Diese Firmen sind nicht daran interessiert, dass wir die Kontrolle behalten oder wiedererlangen.

Wird künftig unser virtuelles Leben unser reales Leben beherrschen?

Das reale Leben wird immer wichtig sein, aber die reale und die virtuelle Welt verschmelzen immer stärker. Das reale Leben wird durch Fotos, Videos und die Ortsbestimmung digital aufgezeichnet. Fast alles, was wir heute machen, hinterlässt eine Datenspur – beispielsweise das Bezahlen mit der EC-Karte und bei Einkäufen im Internet.

Kein Geheimdienst war je in so einer komfortablen Position.

Fest steht, dass Sicherheitsbehörden heute so viele Informationen zur Verfügung haben wie nie zuvor. Sie greifen auch auf Daten zurück, die sie selbst nicht ermittelt haben. Ob Telekommunikation, Flugbuchungssysteme, Kontobewegungen oder soziale Netzwerke – das muss man nur noch zusammenführen. Auf diese Weise erfährt auch der Staat immer mehr über uns.

Wird in Zukunft die Anonymität, für die das Internet einmal gefeiert wurde, abgeschafft?

Das wäre eine Horrorvision. Es ist nicht wünschenswert, dass man sich stets für die Nutzung eines jeden Dienstes mit dem eigenen Namen registrieren müsste. Ich trete für die Beibehaltung des Rechts ein, sich unbeobachtet im Internet zu bewegen. Man muss sich auch unter Pseudonym an Diskussionen beteiligen dürfen.

Gerade die großen sozialen Netzwerke zwingen die Nutzer schon jetzt, sich mit dem realen Namen anzumelden.

Das sehe ich sehr skeptisch. Damit fallen die Schranken zwischen unseren Lebensbereichen wie Familie, Beruf, Freizeit, Politik und Religion. Die Anbieter, aber auch andere Nutzer können sie dann verknüpfen. Und bedenken Sie, dass die großen sozialen Netzwerke mehr Mitglieder haben als die meisten Staaten.

Sie haben bisher bereits zwei Bücher über das Internet geschrieben. Wie könnte ihr drittes heißen?

“Nackt im Netz.”

Hier geht es wohl kaum um persönliche Vorlieben?

Mir geht es darum, wie sich die neuen technischen Möglichkeiten auf das Verhalten der Gesellschaft auswirken. Und wie sich das Sozialverhalten im Internet weiterentwickelt. Aber ich habe noch nicht mit dem Schreiben angefangen.

Facebook-Kritiker – “Mein Gesicht ist nicht deren Geschäftsgeheimnis”

Quelle: SPIEGEL ONLINE, 29.09.2011

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,789124,00.html

1200 Seiten Daten für eine Person: Ein österreichischer Student sorgt sich um den Datenschutz bei Facebook und forderte alles an, was man dort über ihn weiß. Mit kaum befriedigendem Ergebnis. Er hat die irische Behörde eingeschaltet, die für die Aufsicht des sozialen Netzwerks zuständig ist.

Hamburg – Max Schrems hat nichts gegen Facebook – das soziale Netzwerk soll sich nur bitteschön an das Gesetz halten. Und genau das sei nicht Fall, findet der 23-jährige Jurastudent aus Wien. Er hat zusammen mit Freunden der irischen Datenschutzbehörde – denn in dem Land hat Facebook seinen europäischen Sitz – mittlerweile 22 Anzeigen geschickt.

Detailliert wird darin aufgelistet, was das Netzwerk angeblich alles falsch macht. Einer der zentralen Vorwürfe: Facebook löscht Daten nicht, auch wenn die Nutzer auf “Löschen” klicken. Woher Schrems das weiß? Er hat sich die Daten zuschicken lassen, die Facebook von ihm gespeichert hat. Die Daten kamen per Post: Ein Paketdienst brachte eine CD von Facebook in Kalifornien, darauf eine 496 MB große PDF-Datei. 1222 Seiten voller persönlicher Daten.

“Facebook ist dazu gesetzlich verpflichtet, jedem Nutzer seine Daten herauszugeben”, sagt Schrems. Allerdings ist der Datensatz, den er erhalten hat, nicht vollständig. “Es fehlen ganz banale Dinge wie die Informationen über Videos, die ich auf Facebook hochgeladen habe – aber auch die Klicks auf Like-Buttons.” Facebook antwortete dem Studenten auf seine Nachfrage, man könne nicht alle Daten herausgeben – einige seien geistiges Eigentum oder Geschäftsgeheimnis des Unternehmens.

“Damit können die sich nicht rauseden”, sagt Schrems. Seiner Meinung nach gelten die Einschränkungen, die das irische Datenschutzrecht macht, nur für die einer Verarbeitung zugrunde liegenden Prozesse sowie daraus gewonnener Daten. Informationen, etwa über die Gesichtserkennung und Tags auf Fotos, müsse Facebook herausgeben. “Mein Gesicht ist nicht deren Geschäftsgeheimnis”, sagt Schrems.

“Das geht natürlich nicht”

Mittlerweile wird Facebook wohl überrannt von den Anfragen interessierter Nutzer, die schwarz auf weiß haben wollen, was das Netzwerk alles über sie weiß -eine Anleitungen dazu haben Schrems und seine Mitstreiter veröffentlicht. 40 Tage lang darf sich Facebook laut Gesetz mit einer Antwort Zeit lassen. Nun ist der Ansturm offenbar so groß, dass das Unternehmen schon einräumt, die 40-Tage-Frist nicht einhalten zu können. “Das geht natürlich nicht”, sagt Schrems. Facebook könne sich die Frist nicht aussuchen.

Das Ausmaß des Datenbergs, den ihm die Firma geschickt hat, überraschte selbst Schrems, der sich mit dem Thema schon länger beschäftigt. “Richtig interessant wird es aber erst, wenn man die Daten verknüpft”, räumt Schrems ein. Diese Daten müsse Facebook aber nicht herausgeben – die 1222 Seiten sind nur die Spitze des Datenbergs.

In dem Auszug seiner Daten entdeckte Schrems auch einige Pinnwand-Einträge, die er eigentlich gelöscht hatte. In den Nutzungsbedingungen erklärt Facebook allerdings auch, dass “entfernte Inhalte für eine angemessene Zeitspanne in Sicherheitskopien fortbestehen”. “Das kann auch einfach ein technischer Fehler sein”, räumt Schrems ein. Warum das für gekündigte Freundschaften gelten soll, versteht er nicht. “Man darf Nutzern nichts vormachen, löschen muss löschen bedeuten.” Nun seien aber die irischen Behörden gefragt, die den Vorwürfen nachgehen.

Die zuständige Datenschutzbehörde hat ohnehin einen Hausbesuch bei Facebook geplant . Die Anzeigen der österreichischen Studenten werden parallel geprüft – und die aufgeworfenen Fragen sicher Eingang in die routinemäßige Überprüfung finden. Man nehme die Vorwürfe der Studenten sehr ernst, so eine Behördensprecherin.

Facebook als Lebensgeschichte – Schreibt euren eigenen Nachruf!

Quelle: SPIEGEL ONLINE, 23.09.2011

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,788029,00.html

 

 

Schreibt eure Lebensgeschichte auf Facebook, verlangt Mark Zuckerberg mit seinem Relaunch. Aber wie werden diese Geschichten klingen? Nicht wie digitale Tagebücher, sondern wie geschönte Autobiografien, meint Konrad Lischka: weil hier jeder für ein Publikum schreibt.

 

Die Aufzeichnung aller Jogging-Strecken, eine Liste aller Filme, die man je (bei Facebook-Partnern) gesehen, aller Songs, die man je dort gehört hat: Kann das wirklich eine Lebensgeschichte sein? Mark Zuckerberg ist dieser Ansicht. Bei der Vorstellung des neuen Facebook-Konzepts eines Lebensarchivs mit integriertem Unterhaltungsangebot sagte der Gründer des sozialen Netzwerks: “Die Facebook-Zeitleiste ist die Geschichte deines Lebens. Deine Geschichte, deine Anwendungen drücken aus, wer du bist.”

 

Vom Datenschutz-Problem abgesehen: Hier passiert etwas Interessantes, nicht nur auf Facebook, sondern auch bei vielen anderen Web-Diensten, die das Leben protokollieren. Sie archivieren, was wir sehen, hören, lesen, essen, wohin wir reisen und wie lange wir laufen. Ein Antrieb, diese Datenmengen anzuhäufen, ist für viele Menschen mit Sicherheit der uralte Wunsch, dass etwas von ihnen bleibt. Ein idealisiertes Archiv der digitalen Person gegen die Sterblichkeit. Ein permanenter, ständig aktualisierter Nachruf auf einen selbst, der alle dunklen Geheimnisse, alle verzweifelten Gedanken, alle privaten Peinlichkeiten fast zwangsläufig ausblendet. De mortuis nil nisi bene – über die Toten nur Gutes.

 

Die Frage ist: Wer ist dieses digital konservierte Ersatz-Ich, das da entsteht? Wie wird es geformt von den digitalen Werkzeugen, mit denen wir es erstellen? Und wie wirkt dieses Bild zurück auf die Selbstwahrnehmung?

 

Facebook räumt in seinem Formular, in dem man die eigene Lebensgeschichte einzutragen hat, dem Medienkonsum viel Raum ein – was natürlich viel mit den geschäftlichen Interessen des Konzerns zu tun hat. Der Journalist Steven Levy hat dafür den schönen Begriff der ” remote-control autobiography” erfunden. Kulturpessimisten werden nun lästern, dass ein wesentlicher Teil der eigenen Lebensgeschichte offenbar daraus besteht, wie oft und mit wem man “Desperate Housewives” gesehen und was man davor gekocht hat.

 

“Daher sind die Waden gut, die Schenkel nicht schlecht”

 

Doch das unterscheidet Facebooks Lebensprotokoll zunächst kaum von älteren Werkzeugen, dem Tagebuch zum Beispiel. Andy Warhol notierte in seinem Tagebuch jede Taxifahrt, und was sie gekostet hatte. Franz Kafka protokollierte auch sportliche Aktivitäten (“Ich rudere, reite, schwimme, liege in der Sonne. Daher sind die Waden gut, die Schenkel nicht schlecht …”) und Kinobesuche:

 

“Im Kino gewesen. Geweint. ‘Lolotte’. Der gute Pfarrer. Das kleine Fahrrad. Die Versöhnung der Eltern. Maßlose Unterhaltung. Vorher trauriger Film ‘Das Unglück im Dock’ nachher lustiger ‘Endlich allein’. Bin ganz leer und sinnlos, die vorüberfahrende Elektrische hat mehr lebendigen Sinn.” ( 20.11.1913)

Kafka schrieb das für sich. Er dachte nicht an Mitleser, bemühte sich nicht um Verständlichkeit, er spekulierte nicht auf mögliche Kommentare Bekannter und hoffte nicht auf “Likes”. Nimmt man Mark Zuckerbergs Behauptung ernst, Facebook sei ein Werkzeug zum Erzählen der eigenen Lebensgeschichte, dann ist dies der fundamentale Unterschied: Erwünscht ist und belohnt wird (durch bestätigende “Likes” und Kommentare), dass jeder seine Lebensgeschichte jederzeit einem Publikum erzählt. Ohne Leser keine Autobiografie.

 

Wer vor Publikum erzählt, wird belohnt

 

Kafka blätterte auch in alten Aufzeichnungen, um sich selbst zu begegnen. “Mich ergreift das Lesen des Tagebuchs”, notierte er einmal. Er offenbarte sich vor sich selbst, zum Beispiel, als er eine “Zusammenstellung alles dessen, was für und gegen meine Heirat spricht” niederschrieb (“Ich muss viel allein sein. Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins”).

 

Kann, wer seine Lebensgeschichte in Facebook schreibt, so offen vor sich selbst sein? Es geht nicht nur darum, was man abwägt, wenn man öffentlich oder halb-öffentlich publiziert. Vielleicht verinnerlicht jemand, der mit Facebook als Schreibwerkzeug der Lebensgeschichte aufwächst, unbewusst die dort geltenden Kriterien: Lohnt es sich, etwas festzuhalten, das man mit niemandem teilen, niemandem mitteilen möchte?

 

Viele Spiegel für das Ich

 

Vielleicht setzt dieses oft anwesende und manchmal nur automatisch mitgedachte Publikum eine Schweigespirale in Gang, wie sie die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann vor Jahrzehnten in einer Welt ohne Netz postuliert hat. Noelle-Neumanns These: Wenn Menschen bei bestimmten Fragen den Eindruck haben, dass sie mit ihrer Meinung zu einer Minderheit gehören, äußern sie diese nicht. Die Spirale kommt so in Gang: Den Eindruck, in der Minderheit zu sein, gewinnen die Menschen durch ihren Medienkonsum, wenn bestimmte Ansichten unterrepräsentiert sind. Also verschweigen sie ihre Meinung und tragen so dazu bei, dass man diese Ansichten immer seltener hört.

 

Andererseits kann es auch eine Bereicherung sein, sich nicht immer nur im eigenen Spiegel zu sehen, wenn man die eigene Lebensgeschichte nachliest, sondern auch Reaktionen der Freunde, der Bekannten zu lesen, die mitschreiben.

 

“Sie sind kein fiktiver Charakter, oder?”

 

Natürlich beeinflusst das Publikum, was wir letztlich in die “remote-control autobiography” schreiben würden, wenn wir denn dabei überhaupt mitmachen. Jeder entwirft in den Artikeln, die er empfiehlt, der Musik und den Filmen, die er öffentlich mag, ein Wunschbild seiner selbst. Identitätsmanagement nennen Kommunikationswissenschaftler das. Die eigene “remote-control autobiography” mit Abstand nachzulesen, kann ähnlich erhellend und ergreifend sein wie Kafkas Lektüre seiner Selbstgespräche: Zum ersten Mal kann man bei Facebook nachsehen, wer man vor zwei Jahren gerne gewesen wäre, welche Geschichten man über sich selbst geschrieben hat. Oder über sich hat schreiben lassen, von der Jogging-, der Rezepte- oder der TV-Serien-App.

 

Solche Erfahrungen haben bisher vor allem Dichter gemacht: Mit jedem Buch definieren sie sich als Autor neu, jedes Wort schreibt ihre Lebensgeschichte weiter. Dieses Thema beschäftigt Dichter seit Jahrhunderten. Bret Easton Ellis erzählt in “Lunar Park” von einem Schriftsteller namens Bret Easton Ellis, den die Figuren seiner Romane heimsuchen. “Sie sind kein fiktiver Charakter, oder, Mister Ellis?”, fragt ein Polizist den Protagonisten.

 

Diese Frage stellt sich in ein paar Jahren vielleicht jeder, der durch seine “remote-control autobiography” bei Facebook blättert.

 

Facebook-Chef Zuckerberg – Die Welt ist ihm nicht genug

Quelle: Berliner Zeitung, 24.09.2011

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/wirtschaft/facebook-welt-nicht-genug/359832.php

 

Voller Begeisterung präsentierte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg am Donnerstagabend in San Francisco seine neuen Pläne. Foto: Bloomberg

Voller Begeisterung präsentierte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg am Donnerstagabend in San Francisco seine neuen Pläne.

 

Von Matthias Thieme

 

Berlin – “Wir werden das Universum verändern”, brüllte ein Comedian, der Facebook-Chef Mark Zuckerberg sehr ähnlich sieht. Zu sehen war die Show zu Beginn einer Entwicklerkonferenz in San Francisco. Facebook gibt sich selbstironisch.

 

Doch ganz ernst gemeint sind die Neuerungen für das soziale Netzwerk, die dort vorgestellt wurden: Befreundete Nutzer sollen künftig gleichzeitig ihre Lieblingsmusik hören, TV-Serien oder Filme anschauen können.

 

Der echte Zuckerberg erläuterte in seiner Präsentation auch, wie Nutzer die Möglichkeit erhalten sollen, eine Art Tagebuch zu schreiben, das zu so etwas wie einem Lebensarchiv ausgebaut werden kann.

 

Kritik von Datenschützern

 

Das Konzept hat enorme Sprengkraft. Zuckerberg will erreichen, dass die Nutzer künftig Facebook als Eingangstor zum Internet nutzen. Das ist ein Frontalangriff gegen den Rivalen Google, denn Facebook will damit letztlich Suchmaschinen wie die von Google überflüssig machen.

 

“Die Erweiterung der Facebook-Angebote ist ein gigantischer Schritt in den Medienkosmos”. So beschreibt Ben Elowitz, Chef des US-Multimediadienstes Wetpaint, die Neuerungen. Seine Firma war an der Entwicklung der neuen Anwendungen beteiligt. Facebook werde zum Dreh- und Angelpunkt für jede Nutzeraktivität und zum “sozialen Betriebssystem” des Internets, so Elowitz.

 

Die Runderneuerung von Facebook kommt zu einem Zeitpunkt, da es Google nach mehreren gescheiterten Anläufen gelungen ist, endlich in die Welt der sozialen Netzwerke einzusteigen: Google Plus ist seit einigen Tagen freigeschaltet und hat schon mehr als 25 Millionen Nutzer. Das ist allerdings noch meilenweit von den mehr als 800 Millionen Nutzern entfernt, die bei Facebook laut eigenen Angaben angemeldet sind. Für viele Experten besteht kein Zweifel, dass es beim Kampf Facebook gegen Google letztlich darum geht, welches Unternehmen zum Dominator in der noch immer schneller wachsenden Welt der Internet-Ökonomie wird.

 

Zielgenaue und personalisierte Firmenwerbung

 

Facebook musste noch aus einem ganz anderen Grund schnell handeln: Marktforscher erkennen insbesondere bei jungen, markenaffinen Nutzern eine wachsende Ermüdung in der Nutzung sozialer Netzwerke. Knapp ein Drittel fühlt sich bereits durch Facebook und Co. gelangweilt.

 

Diese Gruppe ist aber für die werbende Wirtschaft zentral. Um die Aufmerksamkeit dieser Konsumentengruppe zu sichern, seien neue attraktive Produkte nötig, empfiehlt der Marktforscher Gartner. Facebook will das nun offenbar durch die Verknüpfung mit Multimedia erreichen. Zugleich ist es Facebook mit dem digitalen Lebenslauf möglich, präzise Profile der Nutzer zu erstellen.

 

Mit diesen Daten können Firmen zielgenau, personalisierte Werbung platzieren. So könnte demnächst auf der Facebook-Seite eines Hobby-Langstreckenläufers die Werbung für neue Laufschuhe genau zu dem Zeitpunkt auftauchen, wenn die alten durchgelatscht sind. Branchenkenner vermuten, dass hier ein riesiger neuer Markt erschlossen werden kann.

 

Für Datenschützer ist die neue Facebook-Welt indes eine Horrorvision: “Die Nutzerinnen und Nutzer sollten sich ernsthaft überlegen, ob sie die Geschichte ihres Lebens, wie von Herrn Zuckerberg vorgeschlagen, auf Facebook erfassen lassen”, warnt Bundesdatenschützer Peter Schaar. “Jeder sollte sich bewusst sein, dass einmal eingetragene Daten der eigenen Kontrolle entzogen werden.” Facebook will auch Anwendungen anbieten, mit denen persönliche Daten automatisch veröffentlicht werden. Solche Einstellungen hätten in der Vergangenheit zu Verletzungen der Privatsphäre der Nutzer geführt.

 

Manipulierter Informationsfluss

 

Thilo Weichert, der unabhängige Datenschutzbeauftragte Schleswig-Holsteins, nennt die Pläne von Facebook “eine Katastrophe”, weil Nutzer ihre komplette Internetkommunikation “einem Unternehmen offen legen”. Er prophezeit: “Das Unternehmen wird diese hochsensiblen Informationen über alle Mitglieder für sich selbst nutzen und kommerziell ausbeuten.”

 

Manipulation und Diskriminierung seien die Kennzeichen des Informationsflusses bei Facebook, denn ohne das Wissen der Nutzer würden Facebook-Programme sie von bestimmten Informationen ausschließen und mit vermeintlich erwünschten Informationen überversorgen. “Ich kann jedem nur raten, entweder ganz die Finger davon zu lassen oder es sehr vorsichtig zu nutzen”, sagte Weichert. Für Insider ist es ein offenes Geheimnis, dass es einen florierenden weltweiten Handel mit Nutzerdaten gibt, der sich in einer rechtlichen Grauzone bewegt.

 

Für Rena Tangens vom Verein für Bürgerrechte und Datenschutz (Foebud) kann sich durch die neuen Facebook-Angebote der Charakter des Web komplett verändern. “Das Internet wird dann kein öffentlicher Raum mehr sein, sondern eine gated community, in der nur Facebook das Sagen hat.”

 

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