Dezentrale Soziale Netzwerke

Beim Stichwort soziale Netzwerke denkt jeder sofort an Facebook. Selbst Google+ fällt dahinter ziemlich weit ab. Kaum jemand in der breiten Öffentlichkeit weiß, dass es außer Facebook und Google+ noch einige andere soziale Netzwerke gibt. Sie unterscheiden sich von den großen Monopolisten nicht nur durch ihren mangelnden Bekanntheitsgrad, sondern auch durch ihre dezentrale Organisation. Dezentral heißt in diesem Fall, dass die Daten nicht auf den Servern eines einzigen Unternehmens gespeichert werden, sondern auf nutzereigenen oder solchen, die für den Nutzer transparent sind. Anders als bei Facebook und Google+ haben die Nutzer dieser Plattformen eine viel weiter gehende Möglichkeit der Kontrolle über ihre Daten.

Dezentrale Netzwerke

Beispiele für solche dezentral organisierten Netzwerke sind Diaspora, Friendica, buddycloud, Lorea, identi.ca oder SecuShare. Ihr dezentraler Ansatz ist ihr großer Vorteil, ihre mangelnde Bekanntheit ihr großer Nachteil. Wer meldet sich schon bei einem kleinen, unbekannten Netzwerk an, wenn alle Freunde und Bekannte bei Facebooks sind?

Home

Schaffung eines einheitlichen Standards

Der „Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs“ („FoeBud e.V“), eine in Bielefeld ansässige Organisation für digitale Bürgerrechte, hat es sich nun auf die Fahnen geschrieben, diesen Nachteil auszugleichen. Mit der Entwickler-Plattform Social Swarm sollen die einzelnen dezentralen und datenschutzfreundlichen Netzwerke an einem gemeinsamen Standard arbeiten, der eine Kommunikation untereinander möglich macht. Das – langfristige – Ziel ist es, die Kommunikation über soziale Netzwerke der E-Mail Kommunikation anzugleichen. Für uns alle ist es normal, dass jemand, der bei web.de einen E-Mail-Zugang eingerichtet hat, nicht nur mit anderen web.de Kunden, sondern mit allen Nutzern, die ihre E-Mail bei anderen Anbietern unterhalten, Nachrichten austauschen kann.

Kommunikation über Plattformen hinweg

Was bei der E-Mail normal ist, ist bei den großen Netzwerken nicht möglich. Wer auf Facebook ist, kann nur mit anderen Facebook Mitgliedern kommunizieren. Aber auch bei den alternativen Netzwerken ist die Plattform übergreifende Kommunikation nur eingeschränkt möglich. Wenn es also möglich würde, seine Freunde aus dem Netzwerk zu behalten und sich zugleich mit den Mitgliedern anderer Netzwerkanbieter austauschen zu können, würde das die dezentralen Netzwerke deutlich attraktiver machen. Ein Nebeneffekt wäre, dass die Nutzer durch die selbstverwaltete Struktur mehr Macht über ihre Daten hätten – “Nobody can ever own it”, wie die Macher von Friendica so schön schreiben.

Es ist zu wünschen, dass die Initiative Erfolg haben wird.

 

 

Die vernünftige Nutzung Sozialer Netzwerke (2)

Fünftens – Erst nachdenken, dann posten

Um unangenehme Überraschungen zu vermeiden, ist es daher ratsam vor einer Veröffentlichung nachzudenken. Will ich diese Information tatsächlich mit der ganzen Welt teilen? Will ich sie auf einige ausgewählte Freunde beschränken? Kann mein Kommentar missverstanden werden? Aus dem Kontext gerissen und gegen mich verwendet werden? Kann ich auch in fünf Jahren noch zu diesen Äußerungen stehen? Auch sollte man sich vergegenwärtigen, dass die (offline) Rechte anderer auch online gelten. Sätze, die im realen Leben, eine Beleidigung darstellen, sind auch eine Beleidigung, wenn sie gepostet werden. Online Beleidigungen, Drohungen, Nötigungen und dergleichen sind in ihrer Wirkung noch wesentlich schlimmer, als wenn sie außerhalb des Netzes stattfinden, weil sie eine viel größere Reichweite als im realen Leben haben.

Sechstens -  Privat ist nicht immer privat

Private Äußerungen über den Arbeitgeber sind erst mal privat und vom Grundrecht auf freie Meinungsäußerung geschützt. Im Zusammenhang mit Veröffentlichungen über den Arbeitgeber ist privat nicht mehr privat, wenn „außerdienstliches Verhalten auf den betrieblichen Bereich durchschlägt“, indem zum Bespiel ehrverletzende Äußerungen, wahrheitswidrige Tatsachenbehauptungen oder grob unsachliche Angriffe den Betriebsfrieden stören können. Wann das eine oder das andere der Fall ist, wird von Arbeitsgericht zu Arbeitsgericht ganz unterschiedlich gewertet (es gibt bereits einige Entscheidungen zu diesem Thema). Wo die Grenze der freien Meinungsäußerung erreicht ist, sollte man also besser nicht ausprobieren.

Siebtens – Seien Sie wählerisch

Seien Sie wählerisch mit ihren Freunden, im richtigen Leben sind Sie das auch. Nur weil es nur einen Mausklick braucht um „Freundschaften“ zu schließen, sollten Sie in der virtuellen Welt keine anderen Maßstäbe anlegen als im wirklichen Leben. Beantworten Sie also keine Kontaktanfragen von Leuten, die sie nicht kennen. Jedem „Freund“ öffnen Sie den Zugriff auf ihre persönlichen Informationen – und damit auch die Möglichkeit, diese zu missbrauchen.

Achtens – Datenschutzeinstellungen lesen und nutzen!

Datenschutzerklärungen auf Webseiten sind keine sehr erbauliche Lektüre. Die Anbieter von Sozialen Netzwerken haben seitenlange Datenschutzerklärungen und Nutzungsbedingungen, die in der Regel mehr verschleiern als offen legen. Die Voreinstellungen zum Datenschutz, die vom Anbieter gewählt sind, sind meistens alles andere als datenschutzfreundlich. Daher sollten Sie sich die Mühe machen, die Bedingungen zu lesen und die Möglichkeiten zu nutzen, denn es ein paar Möglichkeiten, die Sichtbarkeit der eigenen Profilinformationen zu steuern.

Auffindbarkeit über Suchmaschinen

Wer nicht möchte, dass sein Profil gefunden wird, wenn man den eigenen Namen in eine Suchmaschine eingibt, kann das durch eine entsprechende Einstellung verhindert werden. Auf diese Weise ist beispielsweise potentiellen Arbeitgebern der Blick auf Familienfotos verwehrt.

Freunde klassifizieren

Netzwerk-Freunde können verschiedenen Gruppen zugeordnet werden („Kreise“ bei Google+). Familienmitglieder können eine Gruppe sein, Arbeitskollegen eine andere, die Gewerkschaftsgenossen eine dritte. Bei jeder Veröffentlichung einer Information kann dann festgelegt werden, welche Gruppe diese zu sehen bekommt, alle oder nur eine oder mehrere ausgewählte.

Veranstaltungen

Ein überlegter Umgang mit Freunde-Gruppen schützt auch vor Peinlichkeiten im Zusammenhang mit der Einladung zu Veranstaltungen über ein Soziales Netzwerk. Der Berichterstattung in den Medien zufolge sind diese eine Spezialität von Jugendlichen und Politikern: Eine „öffentliche“ Einladung bei Facebook ist eine Einladung nicht etwa an die „Öffentlichkeit“ der Freunde, sondern an die ganze Welt. Wenn über Facebook zu einer Parteiveranstaltung öffentlich eingeladen wird, ist jeder eingeladen, der diese liest. Das können dann auch mal 30.000 sein, obgleich der gemietete Saal höchstens 300 Menschen fasst.

- Fortsetzung folgt -

Die vernünftige Nutzung Sozialer Netzwerke (1)

Der ganz große Hype um Facebook scheint schon wieder abzuflauen, aber trotzdem werde ich fast täglich nach den Chancen und Risiken der Nutzung Sozialer Netzwerke gefragt. Daher habe ich die wesentlichen Hintergründe und Gebote hier in einer Übersicht zusammengestellt.

Erstens – Bezahlt wird mit Privatsphäre

Als erstes sollte man sich vergegenwärtigen, dass in einem Sozialen Netzwerk umsonst nicht umsonst ist. Zwar kann sich jeder und jede bei Facebook oder Google+ ein Profil anlegen (um nur die Bekanntesten zu nennen), ohne dafür Gebühren zahlen zu müssen. Bezahlt wird dennoch, bezahlt wird mit persönlichen Daten. Beispiel Facebook: Das Unternehmen soll demnächst mit ungefähr 100 Milliarden Dollar an die Börse gehen. Reichlich viel für eine Firma, die nichts produziert und überhaupt erst seit drei Jahren Gewinn abwirft. Diese Tatsache führt denn auch zum nächsten Gebot.

Zweitens – Seien Sie (daten-) sparsam

Alle Informationen, die Sie in Sozialen Netzwerken hinterlegen, werden von den Anbietern gespeichert, ausgewertet und zu Werbezwecken genutzt und vermutlich auch an andere Firmen verkauft. Je mehr Angaben Sie machen, desto lukrativer ist Ihr Profil. Das gilt nicht nur für Hobbies, Interessen, Vorlieben, sondern auch für „Gefällt mir“-Angaben, die Teilnahme an Gruppen, Spielen und das Hochladen von Fotos und überhaupt alle Angaben, die sich irgendwie kommerziell verwerten lassen – und das ist im Zweifel selbst die Postleitzahl. Wozu genau diese Informationen im Einzelnen genutzt werden und an wen sie übermittelt werden, gehört zu den gut gehüteten Geheimissen von Facebook und Co.

Drittens – Profile werden geplündert

Profile werden also geplündert. Die Plünderung durch die Werbeindustrie ist das eine, aber auch andere nutzen die Informationen, die wir über uns preisgeben. Kriminelle bedienen sich in den Profilen; Identitätsdiebstahl wird auf diese Weise vereinfacht. Für Personalverantwortliche ist es zur Regel geworden, in Sozialen Netzwerken über Bewerber zu recherchieren. Wer unter Hobbies „Kiffen“ eingetragen oder Fotos vom letzten Besäufnis veröffentlich hat, dürfte in vielen Unternehmen schlechte Chancen auf Einstellung haben.

Viertens – Das Internet vergisst nie

Es gibt einen weiteren Grund, in Sozialen Netzwerken datensparsam zu sein. Das Internet vergisst nie und es wird auch in Zukunft nicht vergessen. Forderungen nach einem „digitalen Radiergummi“ werden schöne Träume bleiben; sie sind technisch nicht realisierbar. Jeder Text, jedes Foto hinterlässt eine Spur, die auch nach Jahren noch auffindbar ist. Peinliche Selbstdarstellungen bleiben auf diese Weise ebenso erhalten wie brillante wissenschaftliche Abhandlungen. Zwar kann man einzelne Beiträge löschen, aber es ist kein Verlass darauf, dass diese nicht schon anders wohin kopiert wurden oder von den Anbietern der Netzwerke trotzdem noch vorgehalten werden.

- Fortsetzung folgt -

Zeit für ein neues Datenschutzrecht

Alle meine nächsten Nachbarn, mit denen mich ein langes freundschaftliches Verhältnis verbindet, werden in diesem Jahr 60 – damit trennen uns knapp 15 Jahre, die ich jünger bin. Bei einer der Parties anlässlich eines 60. Geburtstages saß ich kürzlich inmitten einer Runde dieses Alters, als zwei Männer ihre iPhones zückten. Ahhhh, diese neue Technik! Was so ein iPhone alles könne, wurde geschwärmt und die jeweils installierten Apps verglichen – um gleich im nächsten Satz zu ergänzen: Mit der Nutzung so eines Gerätes sei man ja gleichzeitig komplett überwacht. Die Männer stellten das fest, in etwa wie man feststellt, dass es morgen Regen geben wird.

 Allgegenwärtige Überwachung

 Wie ich denn als Profi mit den Überwachungsmöglichkeiten umgehen würde, fragte mich eine der anwesenden Frauen, die die Unterhaltung belustigt verfolgten. Ich streue meine Daten, sagte ich. Ich versuche, nicht einen Anbieter für alles zu nutzen, um eine umfassende Profilbildung an einer Stelle zu erschweren. Private Mails an einer Stelle, berufliche an anderer. Sparsame Äußerungen in Sozialen Netzwerken. Bestimmte Funktionen nutze ich gar nicht: Fotos sind bei mir auf der Festplatte gespeichert, nie in der Wolke. Manche Funktionen schalte ich nur ein, wenn ich sie brauche, so z.B. die Ortungsfunktion im iPhone. Nutzung von Pseudonymen. Ob’s nützt? Ich weiß es nicht. Aber fest steht auch, ich bin schon lange fasziniert von technischen Möglichkeiten und gedenke nicht, das Problem der allgegenwärtigen Überwachung durch umfassenden Verzicht zu lösen.

Eine Eins ist eine Eins

Einmal mehr widersprach ich im Verlauf der Unterhaltung der These, dass wir den Datenkraken ausgeliefert seien, weil die neuen technischen Möglichkeiten eben nicht zu reglementieren seien. Sicher – Technik ist immer schneller als das Recht. Ich staune jedes Mal wieder, wie diejenigen unter meinen Kunden, die Softwareentwickler sind, innerhalb kürzester Zeit Funktionen programmieren, von denen sie vor zwei Tagen noch nicht einmal wussten, dass es diese Funktionen geben kann. Die Grundlagen der Programmierung – eine Eins ist eine Eins und eine Null ist eine Null und darauf lässt sich alles weitere aufbauen – sind einfacher und schneller zu handhaben als ein Parlament, dass sich über Gesetze Gedanken machen muss.

Ein langer Prozess

Sicher ist jedoch, gerade die großen Monopolisten wie Google, Facebook und Co. müssen durch das Recht und die Durchsetzung des Rechts zur Einhaltung bestimmter Standards gezwungen werden. Zu denen gehören in erster Linie Transparenz und Wahlmöglichkeiten in Bezug auf den Umgang mit unseren persönlichen Daten. Es ist eine Frage der Zeit, bis das geschehen wird. Erste Ansätze sind in dem Vorschlag der EU-Kommission für eine europaweite Datenschutzverordnung vorhanden. Google’s neue Datenschutzerklärung allerdings zog hingegen erstaunlich wenig öffentlichen Protest nach sich.

Google‘s neue Datenschutzerklärung

Google hat gerade wieder vorgemacht, wie es nicht sein sollte. Gab es bisher für die verschiedenen Google-Dienste verschiedene Datenschutzerklärungen, wurden diese jetzt in einer einheitlichen zusammengeführt. Das wäre im Grunde gar keine schlechte Idee, doch mit der Vereinheitlichung wurde die Ankündigung verbunden, die Nutzerdaten aus unterschiedlichen Diensten zu einen einheitlichen Nutzerprofil zusammen zu führen. Selbstredend nur zum Wohle der Nutzer: “We’ll treat you as a single user across all our products, which will mean a simpler, more intuitive Google experience”, schreibt die Datenschutzbeauftragte von Google in der Ankündigung der Änderungen. „Mich erinnern solche Aussagen immer an Mielke vor der Volkskammer“, kommentierte mein Kollege kürzlich diese Nachrichten. „Ich liebe euch alle!“.

Die USA sind aufgewacht

Wenn ich mich richtig erinnere, stammt dieses Zitat aus einer Zeit, als Mielke schon längst verloren hatte, was man von Google zurzeit nicht ernsthaft behaupten kann. Wenn auch die Sache mit der Zusammenführung der Daten aus den verschiedenen Google Diensten unter kaum vernehmbarem Protest installiert wurde, sind doch die USA langsam aufgewacht und begreifen, dass es Europa ernst ist mit einem modernen Datenschutzrecht und dass dieses Recht möglicherweise unangenehme Folgen für sie haben könnte. Anders ist die Meldung nicht zu deuten, dass die USA in Gestalt ihres obersten Juristen im US-amerikanischen Wirtschaftsministerium ihre Mitwirkung bei der Neuregelung gefordert haben.

Dass Mielke verlieren würde, hat lange Zeit auch niemand ernsthaft geglaubt. Manche Veränderungen brauchen also etwas länger und früher oder später wird Google dasselbe Schicksal ereilen – voraussichtlich nicht in Form des Untergangs, aber doch dergestalt, dass sich kein großer Datenmonopolist ungestraft eine Datenschutzerklärung wird leisten können, die mehr verschleiert als erklärt. Beispielsweise.

Quellen zum Thema:

 (1) http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,811359,00.html

„Datenschützer empfiehlt Streubesitz“

 (2) http://googleblog.blogspot.com/2012/01/updating-our-privacy-policies-and-terms.html

Google Blog am 24.1.12

 (3) http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,818105,00.html

„Googles neuer Daten Schmu“

 (4) http://futurezone.at/netzpolitik/7754-eu-kommission-google-verstoesst-gegen-eu-gesetz.php

EU Kommission: Google verstößt gegen EU-Gesetz

 (5) http://futurezone.at/produkte/7719-eric-schmidt-niemand-muss-google-nutzen.php

Eric Schmidt: “Niemand muss Google nutzen”

 (6) http://www.datenschutz.de/news/detail/?nid=5287

USA wollen beim EU-Datenschutz mitreden

Hamburger Hausbesuche

Zwischen dem 13. und 17. Februar 2012 ist Hamburg erstmals deutscher Austragungsort der Social Media Week, einer Konferenz für Profis und Laien. Im Rahmen der Woche stehen auch die sogenannten Hamburger Hausbesuche auf dem Programm, bei denen die großen Anbieter Sozialer Netzwerke besucht werden können. Google und Facebook sind jeweils mit einer Niederlassung in Hamburg vertreten, außerdem ist das Empfehlungsportal Qype in Hamburg ansässig. Prima Idee – auf diese Weise kann  ein direkter Kontakt zu denen hergestellt werden, die uns sonst nur als anonyme Großkonzerne gegenüber stehen. Das Programm der Social Media Week in Hamburg findet sich hier:

http://socialmediaweek.org/schedule/?locale_id=29

Google und Facebook: Interessante Erkenntnisse beim ERFA-Kreis Nord

Interessante Einblicke in das Denken von Google bot ein Vortrag des Datenschutzbeauftragten der Google Deutschland GmbH, Per Meyerdierks, im Rahmen des Treffens des ERFA-Kreises Nord der Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit (GDD) am vergangenen Montag (31.Oktober) in Hamburg. „Datenschutz im Web 2.0 – Grundlagen und (funktionale) Grenzen“ lautete der Titel der sehr juristisch aufgemachten Abhandlung. Nach ein paar allgemeinen datenschutzrechtlichen Definitionen rollte Meyerdierks die Diskussion um den Personenbezug von IP-Adressen auf.

Der entscheidende Punkt blieb unerwähnt

Den entscheidenden Punkt erwähnte er jedoch mit keinem Wort: Die Begrenzungen des deutschen Rechts, die eine Zusammenführung der IP-Adresse mit der Person in den meisten Fällen verhindern, gelten für Google allesamt nicht. Google verfügt über einen gigantischen Berg personenbezogener Informationen aus einer Vielzahl von Quellen, die es unkontrolliert zum Zweck der Profilbildung zusammenfügen kann. Es spricht viel für die Annahme, dass Google dies auch tut. Warum sonst sollte beispielsweise jede in die Google Suchmaschine eingegebene Anfrage von dem Konzern neun Monate lang gespeichert werden?

Auseinandersetzung mit den Aufsichtsbehörden

Es wäre interessant gewesen, von Herrn Meyerdierks dazu eine Einschätzung zu hören. Stattdessen verharrte er in einer fast selbstmitleidig anmutenden Schilderung der kleinteiligen Diskussionen, die er mit den Datenschutzaufsichtsbehörden führt. Die zentrale These lautete, das dass geltende Datenschutzrecht nicht dazu geeignet sei, mit den Sachverhalten und Fragen angemessen umzugehen, die das Internet mit sich bringt.

Ein besseres Recht wird gebraucht

Ohne Zweifel brauchen wir ein besseres Recht zur Regelung des Datenschutzes im Internet-Zeitalter und das möglichst europaweit. Antworten, wie dieses aus Sicht von Google zu gestalten wäre, blieb Per Meyerdierks allerdings schuldig. Fast schien es, als wäre die Alternative zum Ist-Zustand aus seiner Sicht die, dass Google ungehindert von geltendem Recht und aufsichtsbehördlichen Fragen tun könnte, was immer es will. Das würde auch erklären, warum alle Versuche des Hamburgerischen Datenschutzbeauftragten und des Unabhängigen Landeszentrums für den Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD) mit Google ins Gespräch zu kommen, von Seiten Google boykottiert wurden. So lange, bis das ULD in einer öffentlichkeitswirksamen Kampagne die in Schleswig-Holstein ansässigen Unternehmen aufforderte, den Einsatz von Google Analytics sofort zu beenden. Seither ist man bereit, auch Sicherheitskonzepte zu veröffentlichen und diese durch Dritte prüfen zu lassen.

Den Regelungsanspruch des Rechts aufgegeben

Aus dem Publikum, einer Gruppe von etwa 50 Datenschutzbeauftragten und sonstigen Datenschutz-Interessierten, kamen überraschend wenige kritische Anmerkungen. Im Anschluss an den Vortrag von Per Meyerdierks verteidigte der Leiter des ULD, Thilo Weichert, wortgewaltig seine Facebook-Abschalten-Initiative. Auch in dieser Diskussion fiel auf, wie wenig einige Datenschützer offenbar bereit sind, auf dem Geltungs- und Regelungsanspruch des Rechts zu bestehen. Juraprofessor Ralf Bernd Abel verstieg sich zu einem vermeintlichen Gegensatz des Grundrechts der Facebook-Nutzer auf freie Meinungsäußerung und freie Kommunikation und der Einhaltung der Datenschutzvorschriften. Und im Übrigen, welchen Wert habe das Beharren auf der Einhaltung der Datenschutzgesetze für den einzelnen Nutzer?

Nur jammern ist zu wenig

Das sind nun wirklich absurde Zungenschläge in dieser Diskussion. Noch gilt das Recht wie es ist und wer, wenn nicht die Datenschützer sollten auf seiner Einhaltung bestehen? Unterstützung für diese Selbstverständlichkeit ließ die Versammlung vermissen. Gleichzeitig muss dieses aber mit einer rechtspolitischen Forderung verbunden werden, endlich ein technikneutrales, zukunftsfähiges Datenschutzrecht zu schaffen. Vorschläge gibt es genug.

Fachkräftemangel bei Google

Anfang Oktober meldete mein halbherzig gepflegtes Profil bei LinkedIn, dass dort eine Nachricht eingegangen sei, Betreff: „Hello from Google“. Ich verschob die Meldung ungelesen in den Spam Ordner – um wenig später festzustellen, dass sie doch kein Witz war. Eine Frau mit holländischem Namen schickte mir einen Link zu einer Stellenbeschreibung und schrieb, bei Google sei man der Meinung, die in Hamburg zu vergebende Position des „Privacy Policy Manager“ könnte für mich interessant sein.

Privacy Policy Manager Europe gesucht

„Google is looking for a Public Policy Manager, based in Berlin or Hamburg, to handle our privacy agenda with data protection authorities across Europe. In addition, you will help advise our product and engineering teams on the public policy implications of their products, working with a closely coordinated and cross-functional global team” heißt es in der Stellenbeschreibung unter anderem. Interessant, in der Tat. Vor nicht mal ganz zwei Jahren erteilte Googles CEO Eric Schmidt in einem Fernsehinterview den praktischen Rat: „If you have something that you don’t want anyone to know, maybe you shouldn’t be doing it in the first place“, um dann ganz fürsorglich darauf hinzuweisen, dass Google Informationen aus Suchmaschinen „a certain time“ speichere und diese aufgrund des Patriot Act auch von den Behörden abgerufen werden könnten. Ausgerechnet Google also braucht nun Unterstützung im Umgang mit den europäischen Datenschutzbehörden und verfällt ausgerechnet auf mich, die unabhängige Beraterin mit den politischen Wurzeln in der Bürgerrechtsbewegung der achtziger Jahre.

Es ist dringend

Ich reagierte nicht auf die Mail und knapp drei Wochen später erhielt ich zwei weitere Mails von Google Mitarbeitern, die mich freundlich aufforderten, sie doch bitte wissen zu lassen, ob ich an der beschriebenen Position Interesse hätte. Vielleicht sei ja die erste Nachricht in meinem Spam Ordner gelandet? Nachdem sich meine anhaltende Heiterkeit über diesen Vorgang gelegt hatte, schrieb ich der Holländerin einen Dreizeiler. Erstens sei ich mit meiner derzeitigen Position sehr zufrieden und zweitens bei aller Sympathie für technischen Fortschritt hinsichtlich Datenschutzfragen sehr Altes Europa. Das passe also alles nicht so richtig zusammen.

Wie es weitergeht

Schade nur, dass ich nicht erfahren werde wie die Suche weitergeht. Morgen ist Per Meyerdierks, der Datenschutzbeauftragte von Google, bei der Tagung des sogenannten ERFA-Kreises Nord der Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherung in Hamburg mit einem Vortrag zu Gast. Thema: Datenschutz im Web 2.0 – Grundlagen und (funktionale) Grenzen. Wir dürfen gespannt sein, was die „funktionalen Grenzen“ des Datenschutzes sein sollen. Vielleicht ja die Tatsache, dass Geheimnisse eh nur was für zwielichtige Gestalten sind.

Datenschützer Schaar: “Der Staat erfährt immer mehr über uns”

Ein exzellentes Interview mit dem Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar haben die Stuttgartern Nachrichten veröffentlicht:
Sehr lesenswert!

Quelle: Stuttgarter Nachrichten, 01.10.2011, Daniel Gräfe

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.datenschuetzer-schaar-der-staat-erfaehrt-immer-mehr-ueber-uns.a6564399-7c8d-4cf4-ba53-9011a686fdc8.html

Stuttgart – Peter Schaar gibt ungern viel über sich preis. Bei der Datensicherheit ist er aber offenherzig: Politik und Wirtschaft würden zu wenig dafür tun, sagt der Bundesbeauftragte für Datenschutz. Stattdessen legten Internetkonzerne bedenkliche Persönlichkeitsprofile von uns an.

Herr Schaar, wie sind Sie im Internet unterwegs?

Ich habe mich in verschiedenen Netzwerken angemeldet, nutze sie aber eher als Experimentierfeld. Ich kann ja als Datenschützer nicht wie ein Blinder über die Farbe reden. Aber ich gebe recht wenig über mich preis – zumindest bemühe ich mich darum.

Sie nutzen keine Pseudonyme?

Doch. Wenn es um private Themen geht, zum Beispiel in Foren. Andere brauchen ja nicht jede meiner Erfahrungen zu kennen, über die ich mich austausche.

Geben Sie Ihr reales Geburtsdatum an?

Nein, das versuche ich zu vermeiden. Aber das wurde schon einmal ohne mein Zutun hinzugefügt – ich habe keine Ahnung, woher die Information stammte.

So weit kann es mit der informationellen Selbstbestimmung nicht her sein.

Stimmt, man hat es nicht immer in der Hand, wer was über einen weiß und wie er mit diesen Informationen umgeht. Wenn man dazu noch etwas bekannter ist wie ich, dann ist es noch wahrscheinlicher, dass ein Dritter Informationen oder gar Fotos über einen einstellt. In einem Fall wurde ich gar als katholischer Messdiener in einem Netzwerk markiert – der ich nun wirklich niemals war.

Zumindest haben Sie davon erfahren. Müsste es nicht ein einfaches und zentrales Internet-Auskunftsrecht für jedermann geben?

Es gibt ja bereits einen datenschutzrechtlichen Anspruch: Jeder, der über mich etwas speichert, ist verpflichtet, mir darüber grundsätzlich kostenlos Auskunft zu geben. Ein Zentralregister wäre aber problematisch, weil dann zuerst alle Daten gebündelt werden. Aber es ist sicherlich sinnvoll, den eigenen Namen ab und zu selbst in eine Suchmaschine einzugeben, um zu wissen, was andere mit einem Klick über mich erfahren können.

Googlen Sie sich oft?

Von Zeit zu Zeit. Aber das macht ja auch meine Sprecherin für mich.

Daten können im Netz sein – auch wenn man es gar nicht nutzt

Und? Finden Sie als Datenschützer genügend Resonanz?

Die Leute machen sich heute mehr Gedanken als früher, wie sie ihre Daten schützen. Aber natürlich wünsche ich mir eine noch intensivere Beschäftigung mit diesem Thema. Jeder ist betroffen – von der Wiege bis zur Bahre. Selbst wer das Internet selbst nicht nutzt – seine Daten könnten dennoch im Netz verfügbar sein.

Was sagt Ihnen als Datenschutzbeauftragter der Siegeszug der Piratenpartei?

Dass das Internet und die virtuelle Welt politisch bedeutsamer werden. Zumindest in einem Wählersegment, das überwiegend männlich und jung ist. Aber das wird sich auch in andere Generationen ausbreiten.

Entsteht eine digitale Kluft im Land?

Ja, vor allem zwischen Jung und Alt und nach Bildungsgrad. Das Internet ist kein automatischer Integrator oder Gleichmacher – ganz im Gegenteil. Die Unterschiede, die es in der realen Welt gibt, existieren auch hier. Und werden sogar stärker, vor allem zwischen den Generationen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem zentralen Widerspruchsregister der Wirtschaft? Dort kann man zum Beispiel Einspruch erheben, wenn das Haus bei Geodatendiensten wie Google Street View auftaucht.

Ich finde es ja gut, wenn sich Unternehmensverbände dazu verpflichten, den Datenschutz zu verbessern. Allerdings ist es nicht einzusehen, weshalb die Bundesregierung sich hier heraushält – sie müsste die Nichtbeachtung sanktionieren. Zu viele Firmen gehen mit dem Datenschutz zu lax um. Außerdem reichen die Verpflichtungen noch längst nicht aus – da sind die Unternehmensinteressen zu stark.

Die Regierung beugt sich also den Lobbyisten?

In der letzten Legislaturperiode wurden die Datenschutzvorgaben verbessert. Heute sehe ich nicht die nötige Energie, das wie erforderlich voranzubringen. Das ist unbefriedigend. Der Gesetzgeber muss endlich handeln.

Was fordern Sie?

Es sollte z. B. verboten werden, Persönlichkeitsprofile hinter dem Rücken der Betroffenen zu erstellen.

Google und Facebook im Fokus

Was heißt das?

Wenn über den konkreten Nutzungszweck hinaus Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt werden, um die persönlichen Interessen einer Person zu katalogisieren. Das sollte nur zulässig sein, wenn der Betroffene zuvor eingewilligt hat. Auch das heimliche Orten von Smartphones und anderen mobilen Geräten und damit ihrer Besitzer muss verhindert werden.

Damit attackieren Sie das Geschäftsfeld von Google & Co.

Dann müssen die Geschäftsmodelle eben verändert werden. Der Schutz der Gesellschaft ist wichtiger als der Schutz von zweifelhaften Geschäftspraktiken. Da werden Daten zusammengeführt, von denen die meisten Nutzer nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt. Besonders kritisch sehe ich es, dass ganz wenige globale Unternehmen wie Google und Facebook Zugang zu immer mehr Daten von immer mehr Nutzern bekommen und diese Daten bündeln.

Wie gut ist Ihr Draht zur amerikanischen Regierung?

Ich diskutiere mit der Federal Trade Commission und auch anderen amerikanischen Regierungsstellen über den Datenschutz, zuweilen auch kontrovers. Beim Datenschutz im nichtöffentlichen Bereich bewegen wir uns ein Stück aufeinander zu. Bei staatlichen Datensammlungen – zum Beispiel bei der Übermittlung von Flugpassagier-Daten oder von Daten bei Finanztransaktionen – haben wir ein grundlegend unterschiedliches Verständnis. Das ist schwierig zu überbrücken.

Könnten die großen amerikanischen Firmen dazu verpflichtet werden, die Daten von deutschen Nutzern besser zu schützen?

Darauf wirken wir hin. Unternehmen, die in Deutschland Geschäfte machen und die Daten deutscher Nutzer erhalten, müssen sich auch an deutsches Recht halten. Gegebenenfalls muss das geändert werden. Auch die Europäische Kommission arbeitet an einer entsprechenden Neuregelung für Europa.

Facebook will mit seiner Funktion “Timeline” künftig die komplette Lebensgeschichte der Nutzer dokumentieren. Was halten Sie davon?

Es werden immer mehr Lebensbereiche ins Netz gezogen und auf der jeweiligen Plattform ausgewertet. Das sehe ich äußerst kritisch. Facebook und Google liefern sich einen Wettbewerb, wer den Nutzer am umfassendsten registriert. Davor kann ich nur warnen.

Müssen wir uns damit abfinden, dass Informationen über uns im Internet immer zugänglich bleiben werden?

Abfinden müssen wir uns mit gar nichts. Die Frage ist, ob wir technisch 100-prozentig verhindern können, dass von dritter Seite Daten kopiert und wieder eingestellt werden können. Da bin ich eher skeptisch. Trotzdem macht es Sinn, wenn sich Wissenschaftler darüber Gedanken machen, wie man eine Art digitalen Radiergummi konstruieren kann, mit denen sich einmal veröffentlichte Daten wieder aus dem Internet entfernen lassen.

Geheimdienst in komfortabler Situation

Lassen Sie uns Science-Fiction spielen. Werden wir in einigen Jahren noch die Kontrolle über unser eigenes digitales Leben haben?

Die Frage ist schon heute, ob wir sie haben. Es gibt Geschäftsmodelle, die ein genaues digitales Abbild unseres Lebens erfassen wollen. Um diese Informationen zu Geld zu machen. Diese Firmen sind nicht daran interessiert, dass wir die Kontrolle behalten oder wiedererlangen.

Wird künftig unser virtuelles Leben unser reales Leben beherrschen?

Das reale Leben wird immer wichtig sein, aber die reale und die virtuelle Welt verschmelzen immer stärker. Das reale Leben wird durch Fotos, Videos und die Ortsbestimmung digital aufgezeichnet. Fast alles, was wir heute machen, hinterlässt eine Datenspur – beispielsweise das Bezahlen mit der EC-Karte und bei Einkäufen im Internet.

Kein Geheimdienst war je in so einer komfortablen Position.

Fest steht, dass Sicherheitsbehörden heute so viele Informationen zur Verfügung haben wie nie zuvor. Sie greifen auch auf Daten zurück, die sie selbst nicht ermittelt haben. Ob Telekommunikation, Flugbuchungssysteme, Kontobewegungen oder soziale Netzwerke – das muss man nur noch zusammenführen. Auf diese Weise erfährt auch der Staat immer mehr über uns.

Wird in Zukunft die Anonymität, für die das Internet einmal gefeiert wurde, abgeschafft?

Das wäre eine Horrorvision. Es ist nicht wünschenswert, dass man sich stets für die Nutzung eines jeden Dienstes mit dem eigenen Namen registrieren müsste. Ich trete für die Beibehaltung des Rechts ein, sich unbeobachtet im Internet zu bewegen. Man muss sich auch unter Pseudonym an Diskussionen beteiligen dürfen.

Gerade die großen sozialen Netzwerke zwingen die Nutzer schon jetzt, sich mit dem realen Namen anzumelden.

Das sehe ich sehr skeptisch. Damit fallen die Schranken zwischen unseren Lebensbereichen wie Familie, Beruf, Freizeit, Politik und Religion. Die Anbieter, aber auch andere Nutzer können sie dann verknüpfen. Und bedenken Sie, dass die großen sozialen Netzwerke mehr Mitglieder haben als die meisten Staaten.

Sie haben bisher bereits zwei Bücher über das Internet geschrieben. Wie könnte ihr drittes heißen?

“Nackt im Netz.”

Hier geht es wohl kaum um persönliche Vorlieben?

Mir geht es darum, wie sich die neuen technischen Möglichkeiten auf das Verhalten der Gesellschaft auswirken. Und wie sich das Sozialverhalten im Internet weiterentwickelt. Aber ich habe noch nicht mit dem Schreiben angefangen.

Facebook-Chef Zuckerberg – Die Welt ist ihm nicht genug

Quelle: Berliner Zeitung, 24.09.2011

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/wirtschaft/facebook-welt-nicht-genug/359832.php

 

Voller Begeisterung präsentierte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg am Donnerstagabend in San Francisco seine neuen Pläne. Foto: Bloomberg

Voller Begeisterung präsentierte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg am Donnerstagabend in San Francisco seine neuen Pläne.

 

Von Matthias Thieme

 

Berlin – “Wir werden das Universum verändern”, brüllte ein Comedian, der Facebook-Chef Mark Zuckerberg sehr ähnlich sieht. Zu sehen war die Show zu Beginn einer Entwicklerkonferenz in San Francisco. Facebook gibt sich selbstironisch.

 

Doch ganz ernst gemeint sind die Neuerungen für das soziale Netzwerk, die dort vorgestellt wurden: Befreundete Nutzer sollen künftig gleichzeitig ihre Lieblingsmusik hören, TV-Serien oder Filme anschauen können.

 

Der echte Zuckerberg erläuterte in seiner Präsentation auch, wie Nutzer die Möglichkeit erhalten sollen, eine Art Tagebuch zu schreiben, das zu so etwas wie einem Lebensarchiv ausgebaut werden kann.

 

Kritik von Datenschützern

 

Das Konzept hat enorme Sprengkraft. Zuckerberg will erreichen, dass die Nutzer künftig Facebook als Eingangstor zum Internet nutzen. Das ist ein Frontalangriff gegen den Rivalen Google, denn Facebook will damit letztlich Suchmaschinen wie die von Google überflüssig machen.

 

“Die Erweiterung der Facebook-Angebote ist ein gigantischer Schritt in den Medienkosmos”. So beschreibt Ben Elowitz, Chef des US-Multimediadienstes Wetpaint, die Neuerungen. Seine Firma war an der Entwicklung der neuen Anwendungen beteiligt. Facebook werde zum Dreh- und Angelpunkt für jede Nutzeraktivität und zum “sozialen Betriebssystem” des Internets, so Elowitz.

 

Die Runderneuerung von Facebook kommt zu einem Zeitpunkt, da es Google nach mehreren gescheiterten Anläufen gelungen ist, endlich in die Welt der sozialen Netzwerke einzusteigen: Google Plus ist seit einigen Tagen freigeschaltet und hat schon mehr als 25 Millionen Nutzer. Das ist allerdings noch meilenweit von den mehr als 800 Millionen Nutzern entfernt, die bei Facebook laut eigenen Angaben angemeldet sind. Für viele Experten besteht kein Zweifel, dass es beim Kampf Facebook gegen Google letztlich darum geht, welches Unternehmen zum Dominator in der noch immer schneller wachsenden Welt der Internet-Ökonomie wird.

 

Zielgenaue und personalisierte Firmenwerbung

 

Facebook musste noch aus einem ganz anderen Grund schnell handeln: Marktforscher erkennen insbesondere bei jungen, markenaffinen Nutzern eine wachsende Ermüdung in der Nutzung sozialer Netzwerke. Knapp ein Drittel fühlt sich bereits durch Facebook und Co. gelangweilt.

 

Diese Gruppe ist aber für die werbende Wirtschaft zentral. Um die Aufmerksamkeit dieser Konsumentengruppe zu sichern, seien neue attraktive Produkte nötig, empfiehlt der Marktforscher Gartner. Facebook will das nun offenbar durch die Verknüpfung mit Multimedia erreichen. Zugleich ist es Facebook mit dem digitalen Lebenslauf möglich, präzise Profile der Nutzer zu erstellen.

 

Mit diesen Daten können Firmen zielgenau, personalisierte Werbung platzieren. So könnte demnächst auf der Facebook-Seite eines Hobby-Langstreckenläufers die Werbung für neue Laufschuhe genau zu dem Zeitpunkt auftauchen, wenn die alten durchgelatscht sind. Branchenkenner vermuten, dass hier ein riesiger neuer Markt erschlossen werden kann.

 

Für Datenschützer ist die neue Facebook-Welt indes eine Horrorvision: “Die Nutzerinnen und Nutzer sollten sich ernsthaft überlegen, ob sie die Geschichte ihres Lebens, wie von Herrn Zuckerberg vorgeschlagen, auf Facebook erfassen lassen”, warnt Bundesdatenschützer Peter Schaar. “Jeder sollte sich bewusst sein, dass einmal eingetragene Daten der eigenen Kontrolle entzogen werden.” Facebook will auch Anwendungen anbieten, mit denen persönliche Daten automatisch veröffentlicht werden. Solche Einstellungen hätten in der Vergangenheit zu Verletzungen der Privatsphäre der Nutzer geführt.

 

Manipulierter Informationsfluss

 

Thilo Weichert, der unabhängige Datenschutzbeauftragte Schleswig-Holsteins, nennt die Pläne von Facebook “eine Katastrophe”, weil Nutzer ihre komplette Internetkommunikation “einem Unternehmen offen legen”. Er prophezeit: “Das Unternehmen wird diese hochsensiblen Informationen über alle Mitglieder für sich selbst nutzen und kommerziell ausbeuten.”

 

Manipulation und Diskriminierung seien die Kennzeichen des Informationsflusses bei Facebook, denn ohne das Wissen der Nutzer würden Facebook-Programme sie von bestimmten Informationen ausschließen und mit vermeintlich erwünschten Informationen überversorgen. “Ich kann jedem nur raten, entweder ganz die Finger davon zu lassen oder es sehr vorsichtig zu nutzen”, sagte Weichert. Für Insider ist es ein offenes Geheimnis, dass es einen florierenden weltweiten Handel mit Nutzerdaten gibt, der sich in einer rechtlichen Grauzone bewegt.

 

Für Rena Tangens vom Verein für Bürgerrechte und Datenschutz (Foebud) kann sich durch die neuen Facebook-Angebote der Charakter des Web komplett verändern. “Das Internet wird dann kein öffentlicher Raum mehr sein, sondern eine gated community, in der nur Facebook das Sagen hat.”

 

Die große Sorge um die Daten

Quelle: Nordsee Zeitung, 17.09.2011

http://www.nordsee-zeitung.de/nachrichten/home_artikel,-Die-grosse-Sorge-um-die-Daten-_arid,631936.html

 

Bremerhaven. Die Verbraucherschutzminister der Länder fordern, dass alle Unternehmen, die Daten von Internet-Nutzern speichern und verarbeiten, sich den europäischen Richtlinien anpassen. Der Datenschutz im Internet sei nicht mehr auf der Höhe der Zeit, sagte Ilse Aigner, die Bundesministerin für Verbraucherschutz, während einer Konferenz in Bremerhaven. Von Markus Kater

 

Berlin, Bremerhaven, Washington: Das ist der Reiseplan von Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner in dieser Woche. Am Donnerstag und Freitag nahm sie an der Konferenz der Verbraucherschutzminister in Bremerhaven teil, am Freitagnachmittag flog sie nach Washington – auch, um dort über den Datenschutz im Internet zu sprechen.

 

Die Bundesministerin schloss sich damit einer Forderung ihrer Länderkollegen an. Diese hatten in Bremerhaven unter anderem festgestellt, dass die bestehenden Datenschutzgesetze nicht mehr ausreichten. Die Grundeinstellungen von Internetanbietern sollten “datensparsam” angelegt werden, fordern die Minister. Dabei geht es vor allem um die Daten in sozialen Netzwerken wie Facebook und Google+.

 

In der vergangenen Woche wurde ein Brief öffentlich, in dem Aigner andere Ministerien in Berlin dazu aufgefordert hatte, auf eine Präsenz in Facebook zu verzichten. Facebook lässt sogenannte Fanseiten zu; diese werden auch von Ministerien genutzt und mit Informationen gefüllt. Aigner befürchtet, dass Facebook personenbezogene Daten sammelt und auswertet.

 

In Washington will Aigner bis zum Dienstag Gespräche mit Vertretern führender US-Unternehmen wie Facebook, Google, Amazon und Microsoft führen. Dabei geht es auch um das Safe-Harbor-Abkommen. Dieses Abkommen ermöglicht es, dass personenbezogene Daten aus europäischen Ländern in die USA übermittelt werden können. Nach den Richtlinien der EU ist ein solcher Austausch mit Ländern, die nicht das Datenschutzniveau wie in Europa haben, verboten.

 

Aigner unterstrich eine weitere Forderung der Länderminister. Profilbezogene Daten von Internetnutzern sollten ein Verfallsdatum bekommen. Diese würden dann also automatisch gelöscht.

 

Die Verbraucherschutzminister beschlossen in Bremerhaven auch, dass der Grundpreis bei Lebensmitteln besser als bisher gekennzeichnet werden soll. Über den Grundpreis sollen Verbraucher Lebensmittel besser vergleichen können. Die Minister verlangen, dass die Preise größer als bisher gedruckt werden.

 

Außerdem soll sich der Grundpreis künftig auf einheitliche Angaben beziehen, nämlich immer auf 1 Kilogramm beziehungsweise 1 Liter. “Wir gehen davon aus, dass sich das Bundeswirtschaftsministerium diesem Wunsch der Länder nicht entziehen wird”, sagte Senatorin Renate Jürgens-Pieper.

 

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: