Die vernünftige Nutzung Sozialer Netzwerke (3)

Hinweise für Eltern

Die Nutzung von Sozialen Netzwerken ist aus der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen ab etwa 13 Jahren kaum noch weg zu denken. Auf Facebook finden sich oft schon Profile von 10 bis 11jährigen. Auch wenn Sie zu diesen Medien selber keinen Zugang haben und das möglicherweise alles überflüssig und unkultiviert finden – im Interesse des Schutzes Ihrer Kinder sollten Sie sich mit den wesentlichen Grundlagen der Funktionsweise Sozialer Netzwerke vertraut machen und mit ihren Kinder das Gespräch darüber suchen.

Keine Vorstellung von den Folgen

Selbst viele Erwachsene haben keine Vorstellung von den Folgen, die man mit unbedachten Äußerungen oder vermeintlichen Späßen in Gestalt von Videos oder Fotos im Internet anrichten kann. Kinder haben die erst Recht nicht. Auch wenn Kinder sich den Umgang mit dem Internet in weiten Teilen selber aneignen können (und sollten), muss man ihnen Verhaltensregeln und Vorsichtsmaßnahmen beibringen. Das können auch schon Viertklässler verstehen, vorausgesetzt man verpackt die Inhalte in eine kindergerechte Sprache und Darstellung. Wenn weder Eltern noch Kinder sich auskennen, bleibt der Weg des gemeinsamen Lernens.

Kinderfotos sollten Sie nicht veröffentlichen

Sofern Sie selber ein Facebook Profil unterhalten: Veröffentlichen Sie keine Fotos und Äußerungen von Ihren Kindern, und seien sie noch so süß und hübsch. Veröffentlichen Sie sie auch sonst nirgends. Sie verlieren die Kontrolle darüber, was mit den Fotos geschieht und wenn Sie Pech haben, finden Sie die Gesichter Ihrer Kinder auf nackte Körper montiert in einem Porno Portal wieder.

Digitale Abstinenz?

Das alles sagen Sie, ist ein Grund Soziale Netzwerke insgesamt zu meiden? Nein. Soziale Netzwerke sind bei aller Kritik an der Ausbeutung unserer Daten auch kommunikative Instrumente, deren sparsame und überlegte Nutzung durchaus Vorteile hat und Spaß machen kann. Außerdem: Die Erfahrung der letzten zwei Jahre hat gezeigt, dass Facebook auf europäischen Druck bezüglich der Schaffung von angemessenen Datenschutzstandards reagiert.

Verbesserter Datenschutz

Nicht so, wie wir uns das gewünscht hätten, aber es ist die Tendenz erkennbar, dass es sich lohnt gegenüber den Datenkraken seine Rechte einzufordern. Dieser Prozess wird weitergehen und uns in absehbarer Zeit  bessere  Datenschutzregeln und bessere Durchsetzungsmöglichkeiten einbringen. Wie nach jeder kulturellen Revolution müssen die gesellschaftlichen Spielregeln auch hinsichtlich Sozialer Netzwerke erst verbindlich definiert werden. Wer sich die hier skizzierten Hintergründe bewusst macht und ein paar Regeln beachtet, kann in der Zwischenzeit Facebook und Co. sinnvoll und ohne Schaden nutzen.

Die vernünftige Nutzung Sozialer Netzwerke (2)

Fünftens – Erst nachdenken, dann posten

Um unangenehme Überraschungen zu vermeiden, ist es daher ratsam vor einer Veröffentlichung nachzudenken. Will ich diese Information tatsächlich mit der ganzen Welt teilen? Will ich sie auf einige ausgewählte Freunde beschränken? Kann mein Kommentar missverstanden werden? Aus dem Kontext gerissen und gegen mich verwendet werden? Kann ich auch in fünf Jahren noch zu diesen Äußerungen stehen? Auch sollte man sich vergegenwärtigen, dass die (offline) Rechte anderer auch online gelten. Sätze, die im realen Leben, eine Beleidigung darstellen, sind auch eine Beleidigung, wenn sie gepostet werden. Online Beleidigungen, Drohungen, Nötigungen und dergleichen sind in ihrer Wirkung noch wesentlich schlimmer, als wenn sie außerhalb des Netzes stattfinden, weil sie eine viel größere Reichweite als im realen Leben haben.

Sechstens -  Privat ist nicht immer privat

Private Äußerungen über den Arbeitgeber sind erst mal privat und vom Grundrecht auf freie Meinungsäußerung geschützt. Im Zusammenhang mit Veröffentlichungen über den Arbeitgeber ist privat nicht mehr privat, wenn „außerdienstliches Verhalten auf den betrieblichen Bereich durchschlägt“, indem zum Bespiel ehrverletzende Äußerungen, wahrheitswidrige Tatsachenbehauptungen oder grob unsachliche Angriffe den Betriebsfrieden stören können. Wann das eine oder das andere der Fall ist, wird von Arbeitsgericht zu Arbeitsgericht ganz unterschiedlich gewertet (es gibt bereits einige Entscheidungen zu diesem Thema). Wo die Grenze der freien Meinungsäußerung erreicht ist, sollte man also besser nicht ausprobieren.

Siebtens – Seien Sie wählerisch

Seien Sie wählerisch mit ihren Freunden, im richtigen Leben sind Sie das auch. Nur weil es nur einen Mausklick braucht um „Freundschaften“ zu schließen, sollten Sie in der virtuellen Welt keine anderen Maßstäbe anlegen als im wirklichen Leben. Beantworten Sie also keine Kontaktanfragen von Leuten, die sie nicht kennen. Jedem „Freund“ öffnen Sie den Zugriff auf ihre persönlichen Informationen – und damit auch die Möglichkeit, diese zu missbrauchen.

Achtens – Datenschutzeinstellungen lesen und nutzen!

Datenschutzerklärungen auf Webseiten sind keine sehr erbauliche Lektüre. Die Anbieter von Sozialen Netzwerken haben seitenlange Datenschutzerklärungen und Nutzungsbedingungen, die in der Regel mehr verschleiern als offen legen. Die Voreinstellungen zum Datenschutz, die vom Anbieter gewählt sind, sind meistens alles andere als datenschutzfreundlich. Daher sollten Sie sich die Mühe machen, die Bedingungen zu lesen und die Möglichkeiten zu nutzen, denn es ein paar Möglichkeiten, die Sichtbarkeit der eigenen Profilinformationen zu steuern.

Auffindbarkeit über Suchmaschinen

Wer nicht möchte, dass sein Profil gefunden wird, wenn man den eigenen Namen in eine Suchmaschine eingibt, kann das durch eine entsprechende Einstellung verhindert werden. Auf diese Weise ist beispielsweise potentiellen Arbeitgebern der Blick auf Familienfotos verwehrt.

Freunde klassifizieren

Netzwerk-Freunde können verschiedenen Gruppen zugeordnet werden („Kreise“ bei Google+). Familienmitglieder können eine Gruppe sein, Arbeitskollegen eine andere, die Gewerkschaftsgenossen eine dritte. Bei jeder Veröffentlichung einer Information kann dann festgelegt werden, welche Gruppe diese zu sehen bekommt, alle oder nur eine oder mehrere ausgewählte.

Veranstaltungen

Ein überlegter Umgang mit Freunde-Gruppen schützt auch vor Peinlichkeiten im Zusammenhang mit der Einladung zu Veranstaltungen über ein Soziales Netzwerk. Der Berichterstattung in den Medien zufolge sind diese eine Spezialität von Jugendlichen und Politikern: Eine „öffentliche“ Einladung bei Facebook ist eine Einladung nicht etwa an die „Öffentlichkeit“ der Freunde, sondern an die ganze Welt. Wenn über Facebook zu einer Parteiveranstaltung öffentlich eingeladen wird, ist jeder eingeladen, der diese liest. Das können dann auch mal 30.000 sein, obgleich der gemietete Saal höchstens 300 Menschen fasst.

- Fortsetzung folgt -

Die vernünftige Nutzung Sozialer Netzwerke (1)

Der ganz große Hype um Facebook scheint schon wieder abzuflauen, aber trotzdem werde ich fast täglich nach den Chancen und Risiken der Nutzung Sozialer Netzwerke gefragt. Daher habe ich die wesentlichen Hintergründe und Gebote hier in einer Übersicht zusammengestellt.

Erstens – Bezahlt wird mit Privatsphäre

Als erstes sollte man sich vergegenwärtigen, dass in einem Sozialen Netzwerk umsonst nicht umsonst ist. Zwar kann sich jeder und jede bei Facebook oder Google+ ein Profil anlegen (um nur die Bekanntesten zu nennen), ohne dafür Gebühren zahlen zu müssen. Bezahlt wird dennoch, bezahlt wird mit persönlichen Daten. Beispiel Facebook: Das Unternehmen soll demnächst mit ungefähr 100 Milliarden Dollar an die Börse gehen. Reichlich viel für eine Firma, die nichts produziert und überhaupt erst seit drei Jahren Gewinn abwirft. Diese Tatsache führt denn auch zum nächsten Gebot.

Zweitens – Seien Sie (daten-) sparsam

Alle Informationen, die Sie in Sozialen Netzwerken hinterlegen, werden von den Anbietern gespeichert, ausgewertet und zu Werbezwecken genutzt und vermutlich auch an andere Firmen verkauft. Je mehr Angaben Sie machen, desto lukrativer ist Ihr Profil. Das gilt nicht nur für Hobbies, Interessen, Vorlieben, sondern auch für „Gefällt mir“-Angaben, die Teilnahme an Gruppen, Spielen und das Hochladen von Fotos und überhaupt alle Angaben, die sich irgendwie kommerziell verwerten lassen – und das ist im Zweifel selbst die Postleitzahl. Wozu genau diese Informationen im Einzelnen genutzt werden und an wen sie übermittelt werden, gehört zu den gut gehüteten Geheimissen von Facebook und Co.

Drittens – Profile werden geplündert

Profile werden also geplündert. Die Plünderung durch die Werbeindustrie ist das eine, aber auch andere nutzen die Informationen, die wir über uns preisgeben. Kriminelle bedienen sich in den Profilen; Identitätsdiebstahl wird auf diese Weise vereinfacht. Für Personalverantwortliche ist es zur Regel geworden, in Sozialen Netzwerken über Bewerber zu recherchieren. Wer unter Hobbies „Kiffen“ eingetragen oder Fotos vom letzten Besäufnis veröffentlich hat, dürfte in vielen Unternehmen schlechte Chancen auf Einstellung haben.

Viertens – Das Internet vergisst nie

Es gibt einen weiteren Grund, in Sozialen Netzwerken datensparsam zu sein. Das Internet vergisst nie und es wird auch in Zukunft nicht vergessen. Forderungen nach einem „digitalen Radiergummi“ werden schöne Träume bleiben; sie sind technisch nicht realisierbar. Jeder Text, jedes Foto hinterlässt eine Spur, die auch nach Jahren noch auffindbar ist. Peinliche Selbstdarstellungen bleiben auf diese Weise ebenso erhalten wie brillante wissenschaftliche Abhandlungen. Zwar kann man einzelne Beiträge löschen, aber es ist kein Verlass darauf, dass diese nicht schon anders wohin kopiert wurden oder von den Anbietern der Netzwerke trotzdem noch vorgehalten werden.

- Fortsetzung folgt -

Verhaltenskodex für soziale Netzwerke

Gemeinsame Presseerklärung der Landesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit in Berlin und Nordrhein-Westfalen

Verhaltenskodex für soziale Netzwerke nur mit den Aufsichtsbehörden

 Quelle: Virtuelles Datenschutzbüro http://www.datenschutz.de/news/detail/?nid=5156

Zu möglichen Selbstverpflichtungen der Anbieter von sozialen Netzwerken hat am 2. November 2011 im Bundesministerium des Innern ein Gespräch stattgefunden, an dem der Berliner Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, Dr. Alexander Dix, gemeinsam mit dem Landesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit Nordrhein-Westfalen, Ulrich Lepper, der zugleich Vorsitzender des Düsseldorfer Kreises der Aufsichtsbehörden des Bundes und der Länder ist, teilgenommen hat.

Bei diesem Gespräch unterstrichen sie, dass der Datenschutz in sozialen Netzwerken bisher unzureichend sei und dringend verbessert werden müsse. Dazu könnten Selbstverpflichtungen unter bestimmten Bedingungen beitragen:

- Freiwillige Selbstverpflichtungen oder Verhaltensregeln müssen die Einhaltung und Umsetzung des geltenden Datenschutzrechts fördern, können sie aber nicht ersetzen. Es reicht nicht, wenn sie lediglich das datenschutzrechtliche Minimum beschreiben;

- Verhaltensregeln müssen wirksame Sanktionsmöglichkeiten enthalten;

- Anbieter sozialer Netzwerke müssen für größtmögliche Transparenz sorgen, damit die Nutzer die Kontrolle über ihre Daten zurückerhalten;

- Entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen muss ein Verhaltenskodex zumindest das Verbot der Profilbildung konkretisieren, das Recht auf anonyme oder pseudonyme Nutzung der Netzwerke unterstreichen und

sicherstellen, dass sämtliche Nutzungsdaten auf Wunsch der Nutzer, jedenfalls nach Ende der Mitgliedschaft gelöscht werden;

- Die Voreinstellungen müssen – anders als bisher in den Netzwerken üblich -einen größtmöglichen Schutz der Privatsphäre erlauben;

- Die Netzwerkmitglieder müssen einfache Werkzeuge zur Durchsetzung ihrer Rechte auf Auskunft, Berichtigung und Löschung erhalten; sie sollten ihr Profil auch unkompliziert beim Wechsel zu anderen Netzwerken “umziehen” können;

- Die technische Sicherheit in den Netzwerken muss nachweislich gewährleistet werden;

- Schließlich sind besondere Vorkehrungen zum Schutz von Minderjährigen zu treffen, deren Daten in sozialen Netzwerken besonders schutzwürdig sind.

Alexander Dix: “Nur freiwillige Selbstverpflichtungen, die diese Voraussetzungen erfüllen und auch umgesetzt werden, könnten den Datenschutz in den sozialen Netzwerken stärken.”

Ulrich Lepper: “Verhaltensregeln tragen nur dann zur Rechtssicherheit bei, wenn sie den Aufsichtsbehörden nach dem Bundesdatenschutzgesetz zur Prüfung vorgelegt werden.”

 

 

Datenschutz im Internet – Wie wir unsere Privatsphäre doch schützen können

Quelle: SPIEGEL ONLINE, 28.10.2011

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,794427,00.html

Von Hannah Pilarczyk

Sofort raus aus Facebook? Wer Datenschutz wichtig findet, scheint zurzeit auf verlorenem Posten zu sein – schließlich haben Internetexperten wie Jeff Jarvis das Zeitalter der “Post-Privacy” ausgerufen. Doch es geht auch anders – entscheidend ist, dass man den Kontext nicht aus dem Blick verliert.

Zwei Ordnungsprinzipien werden in der Debatte um Datenschutz im Internet oft durcheinandergewirbelt: Zugang und Kontrolle. Wem mache ich meine Daten zugänglich? Was darf er mit ihnen machen? Obwohl dies zwei sehr unterschiedliche Fragen sind, werden sie selten getrennt beantwortet – was weitreichende Konsequenzen hat.

Gerade die lautesten Post-Privacy-Advokaten wie Jeff Jarvis oder Christian Heller umgehen nämlich diese Differenzierung. Beide behaupten, Verstöße gegen das Kontrollprinzip (“Facebook hat meine Daten an Dritte weitergegeben”) würden auch das Zugangsprinzip hinfällig machen (“Dann kann ich’s ja gleich öffentlich posten”). Weil sie selber keine Differenzierungen beim Problemaufriss vornehmen, lassen sie daraus folgen, dass es auch keine differenzierten Lösungen geben könnte.

“Vergesst die Privatsphäre!” ist ihr provokantes, im Grunde aber ratlos machendes Motto. Denn letztlich nimmt es die Politik aus der Verantwortung und überlässt es dem einzelnen User, ein soziales Problem individuell zu lösen.

Für den, dem noch am Datenschutz gelegen ist, ergibt sich daraus eigentlich nur eine Konsequenz: Sofortausstieg aus allen Social Networks und sonstigen digitalen Diensten. Doch ist das wirklich praktikabel? Tatsächlich haben diese Angebote in unserem Leben doch eine so wichtige Rolle eingenommen, dass sie aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken sind. Komplettausstieg ist deshalb keine realistische Option. Aber auch konzeptionell überzeugt die Forderung nach Online-Abstinenz nicht. Sie verkennt nämlich, dass Privatsphäre im Kern etwas höchst soziales ist.

Der Kellner darf nicht mitreden

Das zeigt sich schon an einem sehr einfachen Beispiel – nämlich einem Menschen, der auf einer einsamen Insel gestrandet ist. Keine seiner Handlungen wird von einem anderen Menschen beobachtet, geschweige denn aufgezeichnet. Dennoch würde man hier nicht von Privatsphäre sprechen, denn die entsteht nur in Abgrenzung zu Öffentlichkeit.

Gleichzeitig gibt es aber auch Privatsphäre innerhalb von Öffentlichkeit. Das klingt kompliziert, wird aber von uns täglich gelebt. Ein Beispiel dafür ist das Gespräch im Restaurant. Auch wenn wir uns für einen öffentlichen Ort als Treffpunkt entschieden haben, erwarten wir, dass wir uns ungestört mit unserer Begleitung unterhalten können und weder die Tischnachbarn noch die Bedienung sich einschalten.

Denselben Anspruch müssen wir auch hinsichtlich der neuen Medien erheben können, fordert Helen Nissenbaum. Die New Yorker Kultur-und Kommunikationswissenschaftlerin hat mit ihrem Buch “Privacy in Context” eine der interessantesten Analysen zu Überwachung und Datenschutz geschrieben. Sie ist der Überzeugung, dass es nicht sinnvoll ist, Privatsphäre und Öffentlichkeit theoretisch zu definieren. Die Bedeutung beider Konzepte würde sich vielmehr erst aus dem jeweiligen sozialen Zusammenhang erschließen, in dem Informationen fließen.

So sind wir froh, wenn unser Arzt Einblick in unsere detaillierte Krankenakte hat und auf dieser Grundlage eine Diagnose erstellen kann. Dieselben Informationen frei verfügbar im Internet wären hingegen ein Alptraum. Genauso macht es uns nichts aus, wenn jemand in der Schlange im Coffeeshop sieht, wie wir einen Soja Chai Latte kaufen. Würde sich dieser jemand aber unsere Bestellung notieren und sie mit denen der vergangenen Tage vergleichen, wären wir empört.

Welcher Zusammenhang wird verletzt?

Nissenbaum plädiert deshalb dafür, eine neue Anwendung zum Beispiel auf Facebook nicht danach zu bewerten, ob sie die Privatsphäre an sich verletzen würde. Der bessere Maßstab wäre ein Konzept, das sie “contextual integrity” nennt – die Unversehrtheit des Kommunikationskontextes. Dieses Konzept erscheint zunächst eher akademisch, ist aber in Wirklichkeit eine sehr praktische Orientierungshilfe bei der Beurteilung, wann unsere Privatsphäre verletzt wird.

Für Nissenbaum hat contextual integrity vier Bestandteile.

Erstens den sozialen Zusammenhang, in dem kommuniziert wird – das Krankenhaus bildet zum Beispiel einen medizinischen Zusammenhang, innerhalb dessen über die Gesundheit eines Patienten gesprochen wird.

Zweitens die wichtigsten Akteure, die an der Kommunikation beteiligt sind – in diesem Beispiel Arzt und Patient.

Dritter Bestandteil ist die Qualität der Informationen – wird nur über Blutwerte gesprochen oder auch persönliches?

Viertens gehören zu contextual integrity die Übertragungswege von Informationen – ob man sich mündlich austauscht oder E-Mails schreibt.

Laut Nissenbaum können wir erwarten, dass in einem Kommunikationskontext diese vier Bestandteile nicht ohne unsere Zustimmung verändert werden. Geschieht dies trotzdem, werden der Kommunikationskontext und damit auch unsere Privatsphäre verletzt.

Ansatzpunkte für neue Gesetze

Um im Beispiel zu bleiben: Wird zu einem Patientengespräch plötzlich ein Vertreter der Pharmaindustrie dazu gebeten, ändert sich sowohl der soziale Zusammenhang – schließlich geht es plötzlich auch um wirtschaftliche Interessen – als auch der Kreis der beteiligten Akteure. Nach dem Konzept der contextual integrity kann der Patient zu Recht geltend machen, dass seine Privatsphäre verletzt wurde.

Gleiches gilt auch für Veränderungen in den Anwendungen oder Geschäftsbedingungen von Social Networks. Können plötzlich Dritte unsere Daten einsehen oder werden Informationen an Werbekunden weitergegeben, ohne dass wir dem explizit zugestimmt haben, ist unsere berechtigte Erwartung, dass der Kommunikationskontext unversehrt bleibt, nicht erfüllt worden. Ein Verstoß gegen unsere Privatsphäre liegt vor.

Viele Änderungen in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen oder Sicherheitseinstellungen von SchülerVZ oder Facebook lassen sich nach diesem Modell als Verstöße gegen die Privatsphäre werten. Das hat noch keine rechtlichen Folgen, zeigt aber auf, wo gesetzliche Neuregelungen ansetzen könnten.

Ob diese letztlich praktikabel sind? Das lässt sich vorab schwer beurteilen. Bevor man im großen Stil das Zeitalter der Post-Privacy ausruft, kommt man aber nicht umhin anzuerkennen, dass das Konzept der Privatsphäre doch etwas gehaltvoller ist, als es einem lieb ist.

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Datenschützer Schaar: “Der Staat erfährt immer mehr über uns”

Ein exzellentes Interview mit dem Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar haben die Stuttgartern Nachrichten veröffentlicht:
Sehr lesenswert!

Quelle: Stuttgarter Nachrichten, 01.10.2011, Daniel Gräfe

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.datenschuetzer-schaar-der-staat-erfaehrt-immer-mehr-ueber-uns.a6564399-7c8d-4cf4-ba53-9011a686fdc8.html

Stuttgart – Peter Schaar gibt ungern viel über sich preis. Bei der Datensicherheit ist er aber offenherzig: Politik und Wirtschaft würden zu wenig dafür tun, sagt der Bundesbeauftragte für Datenschutz. Stattdessen legten Internetkonzerne bedenkliche Persönlichkeitsprofile von uns an.

Herr Schaar, wie sind Sie im Internet unterwegs?

Ich habe mich in verschiedenen Netzwerken angemeldet, nutze sie aber eher als Experimentierfeld. Ich kann ja als Datenschützer nicht wie ein Blinder über die Farbe reden. Aber ich gebe recht wenig über mich preis – zumindest bemühe ich mich darum.

Sie nutzen keine Pseudonyme?

Doch. Wenn es um private Themen geht, zum Beispiel in Foren. Andere brauchen ja nicht jede meiner Erfahrungen zu kennen, über die ich mich austausche.

Geben Sie Ihr reales Geburtsdatum an?

Nein, das versuche ich zu vermeiden. Aber das wurde schon einmal ohne mein Zutun hinzugefügt – ich habe keine Ahnung, woher die Information stammte.

So weit kann es mit der informationellen Selbstbestimmung nicht her sein.

Stimmt, man hat es nicht immer in der Hand, wer was über einen weiß und wie er mit diesen Informationen umgeht. Wenn man dazu noch etwas bekannter ist wie ich, dann ist es noch wahrscheinlicher, dass ein Dritter Informationen oder gar Fotos über einen einstellt. In einem Fall wurde ich gar als katholischer Messdiener in einem Netzwerk markiert – der ich nun wirklich niemals war.

Zumindest haben Sie davon erfahren. Müsste es nicht ein einfaches und zentrales Internet-Auskunftsrecht für jedermann geben?

Es gibt ja bereits einen datenschutzrechtlichen Anspruch: Jeder, der über mich etwas speichert, ist verpflichtet, mir darüber grundsätzlich kostenlos Auskunft zu geben. Ein Zentralregister wäre aber problematisch, weil dann zuerst alle Daten gebündelt werden. Aber es ist sicherlich sinnvoll, den eigenen Namen ab und zu selbst in eine Suchmaschine einzugeben, um zu wissen, was andere mit einem Klick über mich erfahren können.

Googlen Sie sich oft?

Von Zeit zu Zeit. Aber das macht ja auch meine Sprecherin für mich.

Daten können im Netz sein – auch wenn man es gar nicht nutzt

Und? Finden Sie als Datenschützer genügend Resonanz?

Die Leute machen sich heute mehr Gedanken als früher, wie sie ihre Daten schützen. Aber natürlich wünsche ich mir eine noch intensivere Beschäftigung mit diesem Thema. Jeder ist betroffen – von der Wiege bis zur Bahre. Selbst wer das Internet selbst nicht nutzt – seine Daten könnten dennoch im Netz verfügbar sein.

Was sagt Ihnen als Datenschutzbeauftragter der Siegeszug der Piratenpartei?

Dass das Internet und die virtuelle Welt politisch bedeutsamer werden. Zumindest in einem Wählersegment, das überwiegend männlich und jung ist. Aber das wird sich auch in andere Generationen ausbreiten.

Entsteht eine digitale Kluft im Land?

Ja, vor allem zwischen Jung und Alt und nach Bildungsgrad. Das Internet ist kein automatischer Integrator oder Gleichmacher – ganz im Gegenteil. Die Unterschiede, die es in der realen Welt gibt, existieren auch hier. Und werden sogar stärker, vor allem zwischen den Generationen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem zentralen Widerspruchsregister der Wirtschaft? Dort kann man zum Beispiel Einspruch erheben, wenn das Haus bei Geodatendiensten wie Google Street View auftaucht.

Ich finde es ja gut, wenn sich Unternehmensverbände dazu verpflichten, den Datenschutz zu verbessern. Allerdings ist es nicht einzusehen, weshalb die Bundesregierung sich hier heraushält – sie müsste die Nichtbeachtung sanktionieren. Zu viele Firmen gehen mit dem Datenschutz zu lax um. Außerdem reichen die Verpflichtungen noch längst nicht aus – da sind die Unternehmensinteressen zu stark.

Die Regierung beugt sich also den Lobbyisten?

In der letzten Legislaturperiode wurden die Datenschutzvorgaben verbessert. Heute sehe ich nicht die nötige Energie, das wie erforderlich voranzubringen. Das ist unbefriedigend. Der Gesetzgeber muss endlich handeln.

Was fordern Sie?

Es sollte z. B. verboten werden, Persönlichkeitsprofile hinter dem Rücken der Betroffenen zu erstellen.

Google und Facebook im Fokus

Was heißt das?

Wenn über den konkreten Nutzungszweck hinaus Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt werden, um die persönlichen Interessen einer Person zu katalogisieren. Das sollte nur zulässig sein, wenn der Betroffene zuvor eingewilligt hat. Auch das heimliche Orten von Smartphones und anderen mobilen Geräten und damit ihrer Besitzer muss verhindert werden.

Damit attackieren Sie das Geschäftsfeld von Google & Co.

Dann müssen die Geschäftsmodelle eben verändert werden. Der Schutz der Gesellschaft ist wichtiger als der Schutz von zweifelhaften Geschäftspraktiken. Da werden Daten zusammengeführt, von denen die meisten Nutzer nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt. Besonders kritisch sehe ich es, dass ganz wenige globale Unternehmen wie Google und Facebook Zugang zu immer mehr Daten von immer mehr Nutzern bekommen und diese Daten bündeln.

Wie gut ist Ihr Draht zur amerikanischen Regierung?

Ich diskutiere mit der Federal Trade Commission und auch anderen amerikanischen Regierungsstellen über den Datenschutz, zuweilen auch kontrovers. Beim Datenschutz im nichtöffentlichen Bereich bewegen wir uns ein Stück aufeinander zu. Bei staatlichen Datensammlungen – zum Beispiel bei der Übermittlung von Flugpassagier-Daten oder von Daten bei Finanztransaktionen – haben wir ein grundlegend unterschiedliches Verständnis. Das ist schwierig zu überbrücken.

Könnten die großen amerikanischen Firmen dazu verpflichtet werden, die Daten von deutschen Nutzern besser zu schützen?

Darauf wirken wir hin. Unternehmen, die in Deutschland Geschäfte machen und die Daten deutscher Nutzer erhalten, müssen sich auch an deutsches Recht halten. Gegebenenfalls muss das geändert werden. Auch die Europäische Kommission arbeitet an einer entsprechenden Neuregelung für Europa.

Facebook will mit seiner Funktion “Timeline” künftig die komplette Lebensgeschichte der Nutzer dokumentieren. Was halten Sie davon?

Es werden immer mehr Lebensbereiche ins Netz gezogen und auf der jeweiligen Plattform ausgewertet. Das sehe ich äußerst kritisch. Facebook und Google liefern sich einen Wettbewerb, wer den Nutzer am umfassendsten registriert. Davor kann ich nur warnen.

Müssen wir uns damit abfinden, dass Informationen über uns im Internet immer zugänglich bleiben werden?

Abfinden müssen wir uns mit gar nichts. Die Frage ist, ob wir technisch 100-prozentig verhindern können, dass von dritter Seite Daten kopiert und wieder eingestellt werden können. Da bin ich eher skeptisch. Trotzdem macht es Sinn, wenn sich Wissenschaftler darüber Gedanken machen, wie man eine Art digitalen Radiergummi konstruieren kann, mit denen sich einmal veröffentlichte Daten wieder aus dem Internet entfernen lassen.

Geheimdienst in komfortabler Situation

Lassen Sie uns Science-Fiction spielen. Werden wir in einigen Jahren noch die Kontrolle über unser eigenes digitales Leben haben?

Die Frage ist schon heute, ob wir sie haben. Es gibt Geschäftsmodelle, die ein genaues digitales Abbild unseres Lebens erfassen wollen. Um diese Informationen zu Geld zu machen. Diese Firmen sind nicht daran interessiert, dass wir die Kontrolle behalten oder wiedererlangen.

Wird künftig unser virtuelles Leben unser reales Leben beherrschen?

Das reale Leben wird immer wichtig sein, aber die reale und die virtuelle Welt verschmelzen immer stärker. Das reale Leben wird durch Fotos, Videos und die Ortsbestimmung digital aufgezeichnet. Fast alles, was wir heute machen, hinterlässt eine Datenspur – beispielsweise das Bezahlen mit der EC-Karte und bei Einkäufen im Internet.

Kein Geheimdienst war je in so einer komfortablen Position.

Fest steht, dass Sicherheitsbehörden heute so viele Informationen zur Verfügung haben wie nie zuvor. Sie greifen auch auf Daten zurück, die sie selbst nicht ermittelt haben. Ob Telekommunikation, Flugbuchungssysteme, Kontobewegungen oder soziale Netzwerke – das muss man nur noch zusammenführen. Auf diese Weise erfährt auch der Staat immer mehr über uns.

Wird in Zukunft die Anonymität, für die das Internet einmal gefeiert wurde, abgeschafft?

Das wäre eine Horrorvision. Es ist nicht wünschenswert, dass man sich stets für die Nutzung eines jeden Dienstes mit dem eigenen Namen registrieren müsste. Ich trete für die Beibehaltung des Rechts ein, sich unbeobachtet im Internet zu bewegen. Man muss sich auch unter Pseudonym an Diskussionen beteiligen dürfen.

Gerade die großen sozialen Netzwerke zwingen die Nutzer schon jetzt, sich mit dem realen Namen anzumelden.

Das sehe ich sehr skeptisch. Damit fallen die Schranken zwischen unseren Lebensbereichen wie Familie, Beruf, Freizeit, Politik und Religion. Die Anbieter, aber auch andere Nutzer können sie dann verknüpfen. Und bedenken Sie, dass die großen sozialen Netzwerke mehr Mitglieder haben als die meisten Staaten.

Sie haben bisher bereits zwei Bücher über das Internet geschrieben. Wie könnte ihr drittes heißen?

“Nackt im Netz.”

Hier geht es wohl kaum um persönliche Vorlieben?

Mir geht es darum, wie sich die neuen technischen Möglichkeiten auf das Verhalten der Gesellschaft auswirken. Und wie sich das Sozialverhalten im Internet weiterentwickelt. Aber ich habe noch nicht mit dem Schreiben angefangen.

Streit um Datenschutz: Was speichert Facebook genau?

Quelle: sueddeutsche.de, 30.09.2011

http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/1212641

Berlin (dpa) – Facebook steht wegen seiner Datenschutzpolitik in der Kritik. Dem Online-Netzwerk wird vorgeworfen, Daten auch dann noch zu speichern, wenn Nutzer sie gelöscht haben. Es gibt immerhin einen Weg, herauszufinden, welche Daten über einen gespeichert sind.

Das Online-Netzwerk gibt den Nutzern die Möglichkeit, sich die Daten herunterzuladen. Die Liste der Informationen, die dieser Download enthält, gibt auch Aufschluss darüber, welche Arten von Informationen auf den Servern lagern. Laut Facebook sind es:

- die Profilinformationen (Kontaktdaten, Interessen, Gruppen);

- Pinnwandeinträge und Inhalte, die ein Nutzer in sein Profil eingestellt hat – oder auch dessen Freunde;

- Fotos und Videos, die ein Nutzer hochgeladen hat;

- die Freundesliste;

- Notizen, die ein Nutzer verfasst hat;

- Veranstaltungen, für die ein Nutzer zu- oder abgesagt hat;

- Nachrichten, die ein Nutzer versendet und erhalten hat;

- jegliche Kommentare, die ein Nutzer oder dessen Freunde an seinen Pinnwandeinträgen, Fotos und anderen Profilinhalten hinterlassen haben.

Viele Diskussionen gibt es über das Löschen von Inhalten. Facebook betont stets, dass die hochgeladenen Informationen weiterhin den Nutzern gehörten. Daher stellt sich zum Beispiel die Frage: Sind Bilder dauerhaft weg, wenn man sie in seinem Profil gelöscht hat?

Die Natur des Teilens in einem Sozialen Netzwerk erschwert das Entfernen. So kann es passieren, dass jemand das Bild eines Facebook- Freundes in sein eigenes Profil einbindet. Wenn der Autor es in seinem Profil löscht, wäre es zwar bei ihm nicht mehr zu sehen – beim Freund aber weiterhin. Damit würde es weiter auf Facebook-Servern lagern. Bilder, auf denen Personen abgebildet sind, kann man nach europäischem Recht aber auch komplett überall entfernen lassen.

Facebook-Infos zum Herunterladen der Daten

http://www.facebook.com/help/?page=18830

Skandinavier befragen Facebook zum Datenschutz

Quelle: AFP, 12.07.2011

Oslo – Datenschützer aus Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland haben das soziale Internet-Netzwerk Facebook nach dessen Umgang mit Benutzerdaten befragt.

“Es handelt sich dabei um eine gemeinsame Aktion, um bessere Kenntnisse darüber zu erhalten, wie das größte soziale Netzwerk der Welt persönliche Informationen behandelt”, erklärte der Chef der schwedischen Datenschutzbehörde, Hans-Olof Lindblom, in Oslo.

Die norwegische Datenschutzbehörde ließ Facebook vergangene Woche im Namen der vier beteiligten Staaten eine Reihe von Fragen zukommen. Der insgesamt 45 Punkte umfassenden Katalog reichte von Fragen zum “Gefällt mir”-Knopf und den im Profil hochgeladenen Fotos bis hin zu Angaben, inwieweit das Unternehmen Daten seiner Nutzer mit Dritten teile.

Der kalifornische Konzern hat laut der Behörden nun bis Ende August Zeit, um auf das Schreiben zu reagieren. Facebook solle dabei jede Frage so genau wie möglich, aber in nicht mehr als drei bis vier Sätzen beantworten. “Obwohl Facebook ständig daran arbeitet, die Informationen für seine Mitglieder zu verbessern, ist unklar, welche Informationen Facebook sammelt und wie diese genutzt und weitergegeben werden”, erklärte Björn Erik Thon von der zuständigen norwegischen Behörde.

Das im Jahr 2004 von Mark Zuckerberg gegründete soziale Netzwerk ist mit nach eigenen Angaben 750 Millionen Nutzern weltweit das größte seiner Art. In Deutschland zählt es laut dem Online-Dienst Allfacebook fast 20 Millionen aktive Mitglieder.

Anonymität ist nicht erwünscht – Im Spannungsfeld von Datenschutz und Werbung

Quelle: nzz online, 19.07.2011

Von Henning Steier

Google+ ist in die Kritik geraten, weil jeder Nutzer der sein soll, der er ist. Die Debatte ist für Facebook nichts Neues, zeigt sie doch das Vermarktungskonzept hinter sozialen Netzwerken. Unterdessen preschen Aktivisten von Anonymous mit einer Alternative namens Anonplus vor.

“Identifizierbarkeit kann sehr wichtig sein, aber Anonymität und Pseudonyme sind in vielen Kulturen stark verbreitet – aus guten Gründen”, schrieb Alma Whitten im Februar in einem Blogeintrag. Googles leitende Entwicklerin im Bereich Datenschutz spielte damit wohl unter anderem auf die Lage von Aktivisten in China an. Google-Entwickler Andrew Bunner hat nun, rund zwei Wochen nach dem Start des sozialen Netzwerkes Google+, dazu aufgerufen, Accounts mit offensichtlich falschen Namen über die entsprechende Schaltfläche zu melden. Davon sind auch Unternehmen und Medien betroffen, denn der Suchmaschinenanbieter hat bereits angekündigt, eigene Seiten für sie einzurichten – wie sie Marktführer Facebook seit geraumer Zeit anbietet.

Die Community hat bereits rund zehn Millionen Mitglieder, obwohl sie noch nicht für die Allgemeinheit geöffnet wurde. Doch nun tobt im Netz eine Debatte darüber, ob Google mit seiner auf den ersten Blick widersprüchlichen Vorgehensweise den Erfolg des Facebook-Konkurrenten gefährden könnte. Eine italienische Nutzerin, die ihren Second-Life-Namen “Opensource Obscure” verwendete, wurde gesperrt. Sie führte an, dass ihr Pseudonym im Netz bekannter sei als ihr Klarname. Geekfeminism.org verwies auf ein erhöhtes Stalking-Risiko für Frauen, das die Pflicht zum Realnamen mit sich bringen könnte.

Reaktion auf Medienecho

Blogger Enno Park meldete sich zunächst unter seinem echten Namen an. Als Accounts von Medien gesperrt wurden, wechselte Park testweise zu seinem Pseudonym “Die Ennomane”, was eine Sperrung nach sich zog. Es wurde allerdings der gesamte Google-Account deaktiviert. Park musste sich per SMS und echter Telefonnummer authentifizieren, um sein Konto und Dienste wie Buzz und Reader wieder vollumfänglich nutzen zu können. Als Spiegel.de den Fall aufgriff, wurde das Ennomane-Profil auf Google+ wieder freigeschaltet, was Enno Park zu der Bemerkung veranlasste, einige Blogs seien wohl gleicher als andere.

Die Totalsperre deutet darauf hin, dass Google geglaubt haben könnte, mein Account sei übernommen und defaced worden”, schrieb Enno Park in einem weiteren Blog-Post. Allerdings wisse er, dass ein Denunziant bei Google Spass daran findet, Parks und andere Pseudonym-Accounts als Fakes zu melden und sich öffentlich damit zu brüsten. “In meinem Fall dürfte vermutlich ein Algorithmus zugeschlagen haben, weil zwei Dinge zusammen kamen: eine Meldung als Fake sowie die Namensänderung.” Sein Fazit: Für den Nutzer sei Google unberechenbar. Das Unternehmen solle dringend seine Algorithmen überarbeiten und seine Community-Manager besser schulen. Einen Beleg dafür lieferte Schauspieler William Shatner, dessen Profil irrtümlich gelöscht wurde. Mittlerweile ist es aber wieder erreichbar. Ob Googles Rechner oder Mitarbeiter den Account für das Werk eines Unbefugten gehalten hatten, wurde nicht bekannt.

Werbung mit geringen Streuverlusten

Die Diskussion um Realnamen auf Facebook gibt es schon lange. Das Unternehmen hat immer wieder entsprechende Accounts deaktiviert. Unter anderem zog sich deshalb im Frühling ein Journalist, der unter der Pseudonym Michael Anti für die “New York Times” schrieb, aus dem sozialen Netzwerk zurück. In seinen Nutzungsrichtlinien wird wie bei Google+ auf die Verwendung eines echten Namens gepocht. Hintergrund ist hier wie da nicht nur der soziale Gedanke. Denn Facebook ist bei Werbekunden vor allem deshalb beliebt, weil sich reale Vorlieben echten Menschen zuordnen lassen, so dass sich Anzeigen mit geringen Streuverlusten platzieren lassen. Diese Lücke in seiner Vermarktung will der führende Suchmaschinenanbieter mit Google+ schliessen und hat daher in diesem Punkt ähnliche Nutzungsbedingungen wie Facebook für seine mehr als 750 Millionen Mitglieder.

Auch diverse Accounts von Sympathisanten des Kollektivs Anonymous wurden bei Google+ gesperrt. Nun scheinen die Aktivisten, die für Meinungsfreiheit und gegen eine Zensur des weltweiten Datennetzes kämpfen, an einem eigenen sozialen Netzwerk zu arbeiten: Anonplus. Die Versionsnummer 0.1 Alpha zeigt aber, dass das Projekt noch ganz am Anfang stehen dürfte. Bisher kommunizieren die Anonymous-Unterstützer vor allem über den Internet Relay Chat (IRC) miteinander.

Jeder kann mitmachen

“Willkommen bei einem neuen sozialen Netzwerk, auf dem man keine Zensur befürchten muss”, ist auf der Anonplus-Startseite zu lesen, die keinen Starttermin nennt. Die Aktivisten, die ausser mit dem Kampf gegen Scientology auch mit Hackerangriffen auf Organisationen und Unternehmen Schlagzeilen machten, schliessen niemanden aus. Weil sich also jeder Anonymous nennen darf, ist allerdings schwer abzuschätzen, wie ernst es den Machern von Anonplus, aber auch jenen der kürzlich gestarteten WikiLeaks-Alternativen HackerLeaks und LocalLeaks mit ihren Projekten ist.

Dass Facebook Googles Versuch, ein eigenes soziales Netzwerk aufzuziehen, ernst nimmt, zeigt der Fall des Entwicklers Michael Lee Johnson. Er warb über seinen Facebook-Account für Googles Angebot, musste dann aber erleben, wie sein Account gesperrt wurde. Facebook teilte ihm mit, er habe gegen die Nutzungsbedingungen verstossen. Diese verbieten Werbung für Konkurrenzangebote.

Die Kontrolle der Kontrolleure

Dies ist ein schon älterer Artikel, der im August des letzten Jahres im faz.net veröffentlicht wurde. Norbert Schneider ist ist Direktor der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) in Düsseldorf. Ich finde ihn trotz seines älteren Datums hier der nochmaligen Veröffentlichung wert; er ist ein ausgesprochen kluger Exkurs zu der Frage der Kontrolle der Menschen im Netz, die mich in verschiedenen Ausprägungen immer wieder beschäftigt. Verblüffend einfach – und in ihrer Einfachheit absolut richtig – ist seine Schlussfolgerung: “Für diese Regulierung genügen im Grunde zwei Paragraphen. Paragraph 1: <Die Daten eines Menschen sind sein Eigentum. Wenn sie jemand nutzen möchte, dann zu den Bedingungen, die dafür allgemein festgelegt werden. Wer sie zur Kontrolle eines Menschen nutzt, verletzt seine Würde.> Paragraph 2 könnte lauten: <Der gesamte Datenverkehr muss für den Datengeber jederzeit transparent sein>”.

Quelle: faz.net, 11.08.2010

http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~E777521344CDF41789328C28FE66DA6B7~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Sozialkontrolle im Netz

Die Menschenleser

Wer sich im Netz preisgibt, wird zu einem Menschen zweiter Schöpfung: Er gibt den digitalen Göttern Gelegenheit, jede Kontrollmöglichkeit auszunutzen. Es ist an der Zeit, eine vernünftige Regulierung für die Kontrolleure zu finden.

Von Norbert Schneider

Wer kontrolliert die Kontrolleure? Die Datensouveränität muss in der Hand des Datengebers bleiben

Man kann verschiedene Geschichten von der Digitalisierung erzählen. Besonders beliebt ist die Version vom großen Erfolg. Die Belege reichen vom Handy bis HD. Von der Navigation bis zu MRT. Und es ist ja auch keine Frage: Auf viele Kummerfalten der analogen Kommunikation und der alltäglichen Rechnerei wirkt die Digitalisierung wie Botox.

Eine zweite Version ist die Schön-und-gut-Erzählung. Schön und gut, sagt der Erzähler, nun kannst du überall telefonieren. Leider kann dich jetzt auch jeder erreichen. Personalabbau hier erzwingt Personalausbau dort. Zeitgewinn vorne führt zu Zeitverlust hinten. Das Ganze ist ein Nullsummenspiel. Oder eben: Nun bist du mit dem Kopf durch die Wand. Und was machst du in der Nachbarzelle (Lec)?

Eine dritte Version entfernt sich von der Benutzeroberfläche. Sie beschreibt die Konturen eines neuen, des digitalen Menschen. Er ist nicht mehr das Kind Gottes, das Tier, das lachen kann, das zoon politikon, die Verbindung von Über-Ich, Ich und Es. Es ist der Mensch als Summe seiner von Rechnern gesammelten und lesbaren Daten.

Wichtige analoge Menschenleser sind Ärzte und Psychologen, Lehrer und Pfarrer. Sie finden heraus, woran man krankt, was man fühlt, wovon man träumt, was man weiß, wann man sündigt. Aus ihren Lesefrüchten, die meist unter einem Schweigegebot stehen, definieren sie den analogen Menschen – um ihn dann, mit Blick auf seine Schwächen, zu disziplinieren. Die digitalen Menschenleser sind nur noch große Rechner. Aus der Fülle der individuellen Daten, die überall anfallen, wo digital kommuniziert wird, beim Telefonieren, bei GPS, beim Surfen schaffen sie als Krone einer zweiten Schöpfung einen zweiten, virtuellen Menschen – vergleichbar dem zweiten Körper des Königs (Kantorowicz).

Mach dich gläsern!

Jetzt gilt: An seinen Daten soll man ihn erkennen, an seinen in Daten verwandelten Vorlieben, Werturteilen und Einstellungen, seinem Lieblingslokal, seinen Konsumgewohnheiten, seinem Wahlverhalten, seinen Macken. Die lesbaren Daten reichen, um nahezu alles über einen Menschen zu wissen. Das macht ihn kontrollierbar. Der Weg von analog zu digital ist auch der Weg von einer Disziplinar- in eine Kontrollgesellschaft (Deleuze).

Dass überall Daten aus dem Menschen schießen – diese Datenblüte wird getrieben durch ein Klima, das alles bisher eher Private ins Öffentliche verschiebt. Zwar gibt es nach wie vor Orte der Diskretion, Klöster oder gated cities, Logen oder lounges. Doch Konjunktur hat das Öffentliche. Man isst im Freien und telefoniert dabei ungeniert. Statt Gärtchen – der Biergarten. Die Mode veröffentlicht menschliche Körper. Public viewing breitet sich aus. Exhibitionismus wird chic. In der Talkshow, in der Castingshow, im Container von Big Brother, dessen Kontrollauge wohlgefällig auf den Datenspendern ruht. Getrieben wird dieser Trend zum Öffentlichen auch von einer schon immer zahlen- und datenfixierten empirischen Sozialforschung, die datenhungrig alles und jeden zählt und dann korreliert. Bis heute zum Glück anonym. Wie ein Brandverstärker wirkt, was man das heute schier unabweisbare Transparenzgebot nennen kann, dessen Imperative lauten: Mach dich gläsern! Zeig dich! Oder hast du was zu verbergen? Manche sprechen inzwischen von einer Tyrannei der Transparenz.

Dieses schon analog gut gefüllte Datenfass bringt die “Medienmaschine” (Coy) Internet vollends zum Überlaufen, durch Daten, die beim Surfen entstehen, bewusst, zufällig, unvermeidbar, zwangsläufig, speziell über soziale Netzwerke, Chatrooms oder Foren. Das Surfen, sagt Deleuze, habe überall die alten Sportarten abgelöst. Dieselben Menschen, die sich schon bisher kaum gewehrt haben, wenn man sie – auf ihre Daten bezogen – bis aufs Hemd ausgezogen hat, geben sich nun im Netz vollends preis: die Spiele, die sie spielen, die Bücher, die sie lesen, die Wege, die sie gehen, die Räusche, die sie hatten. Wo immer die Surfer die Welle reiten, fischen anschließend die großen Netzrechner ab, was an Daten liegen bleibt. Und geben es dann in die Speicher.

Das Verschwinden des Originals

Richtig neu und eigentlich die Signatur des Digitalen ist: Beim Datengeben und Datennehmen bleibt, anders als in den analogen Speichern, das Gelagerte im Speicher, auch dann noch, wenn es abgerufen, wenn es genutzt wird. Der elementare menschliche Wunsch, den Kuchen zu essen und ihn gleichwohl zu behalten, verliert seine paradoxe Pointe. Jetzt geht beides. Früher war es ein Wunder, wenn der Ölkrug der Witwe nicht leer wurde. Jetzt ist es das gerechnete Resultat digitalisierbarer Daten. Das Wunder hat ausgedient. Und der Grund ist so simpel wie bahnbrechend: Die Differenz zwischen Original und Kopie, zwischen echtem und virtuellem Öl hat sich erledigt. Das Einmalige verschwindet hinter der unendlichen Reproduzierbarkeit des Originals – als Original! Eigentum ist nicht mehr ortsgebunden. Zwei und mehr können dasselbe gleichzeitig besitzen.

Der erste, heute schon sichtbare Effekt dieser Verschiebung von privat und öffentlich ist derselbe, der bei der Ankunft neuer Medien immer zu beobachten war. Indem diese vagabundierende Datenmasse sich in neuen Formen und neuen Orten von Öffentlichkeit stabilisiert, zwar nur langsam, aber sicher, fransen die Ränder der analogen, medienerzeugten Öffentlichkeit aus und mit ihr die Funktion einer (nie einfach nur einen) Öffentlichkeit selbst. Das Anschwellen von Daten aller Art zwingt die klassischen Medien, besser früher als später, zu reagieren. Ihre herkömmlichen Funktionen und Ansprüche verfallen, wenn sie einfach fortgeschrieben werden. Das Gegenüber zu neuen Wettbewerbern – auch wenn sie vorerst noch schwach sind – verlangt die Besinnung speziell auf die Leistungen, die die Konkurrenz nicht anbieten kann. Das rät zur Konzentration, nicht zur Aufblähung. Ein interessanter Nebeneffekt entsteht hier für die Medienaufsicht. Die Vielfaltsicherung beziehungsweise die Verhinderung vorherrschender Meinungsmacht verliert im Lichte der Digitalisierung ihren Schrecken. Denn viele Daten sind der Tod des Tycoons.

Neue Anthropologie

Doch die eigentliche Pointe der Datenschwemme ist nicht etwa eine Arbeitsentlastung für den Regulierer. Es ist der neue Mensch, lesbar als Träger seiner Daten. Es ist eine neue Anthropologie, entstanden aus einer Art von Aktionsmüll, einem Rechenfutter, aus dem die Rechner dann im Auftrag Dritter Gold machen.

Doch an diesem Punkte wird die neue Anthropologie prekär. Der Mensch als Datenträger wird, indem er lesbar gemacht wird, auch steuerbar, vorhersehbar, kontrollierbar. Er wird, ohne davon irgendetwas zu wissen, zum Objekt einer auf Dauer gestellten Rasterfahndung, die alle Liebhaber von Siebdrucken ermitteln will, die über dreißig Jahre und vermögend sind. Oder mehr als zwei Tage im Jahr am Arbeitsplatz fehlen. Oder eine Vorliebe für Pornogaphie haben.

Für programmierte Rechner ist das kein Problem. Wohl aber für den Berechneten. Er wird umfassend kontrollierbar. Sein Schritt und sein Tritt sind nicht nur nachvollziehbar, sie werden auch vorhersagbar. Gläsern steht er im Speicher, dem Interesse der Beschaffer und Benutzer schutzlos ausgeliefert. Die waschen und kämmen die Daten und machen sie marktfein. Sie werden zur Grundlage von Geschäftsmodellen, in denen die digitalen Menschen, indem ihre Datenprofile an die analogen Waren- und Dienstleistungsgesellschaften verkauft werden, ihrerseits zum Kauf anstehen. Einer abnehmenden Gefahr von vorherrschender Meinungsmacht auf dem Gebiet der Massenkommunikation korrespondiert bei der Individualkommunikation das Problem einer zunehmenden Kontrollmacht. Wieder einmal steht nicht weniger als die Würde des Menschen auf dem Spiel.

Kaum etwas ist geheimer als das Gebaren der Sozialkontrolleure

Damit er dieses Spiel nicht verliert – Goliath gegen David, doch diesmal ohne Schleuder -, braucht er Schutz durch die Gesellschaft, eine Regulierung, die das asymmetrische Verhältnis zwischen ihm und den digitalen Menschenlesern und ihren Herren ins Lot bringt.

Diese Regulierung hat mit Zensur nichts zu tun. Sie greift nicht auf Inhalte zu, sie macht nur das Unsichtbare sichtbar: wie ein Mensch, der Daten abgibt, anhand dieser Daten kontrollierbar wird. Reguliert werden muss ein Geschäftsmodell, dessen Basis der kontrollierbare Mensch ist. Denn: ohne Daten kein Geschäft. Die Regulierung muss dort ansetzen, wo es möglich wird, dass Dritte sich auf diesen zweiten virtuellen Datenmenschen ihren wirtschaftlichen, womöglich aber auch einmal ihren politischen Vers machen. Es geht um die gesellschaftliche Kontrolle derer, deren Maxime nicht Macht durch Meinung heißt, sondern Profit durch Kontrolle.

Für diese Regulierung genügen im Grunde zwei Paragraphen. Paragraph 1: “Die Daten eines Menschen sind sein Eigentum. Wenn sie jemand nutzen möchte, dann zu den Bedingungen, die dafür allgemein festgelegt werden. Wer sie zur Kontrolle eines Menschen nutzt, verletzt seine Würde.” Paragraph 2 könnte lauten: “Der gesamte Datenverkehr muss für den Datengeber jederzeit transparent sein.”

Der Grund liegt auf der Hand. Noch unöffentlicher, noch geheimer als die Finanzwirtschaft ist derzeit nur noch das Gebaren der neuen Sozialkontrolleure. Niemand weiß genau, welche Daten sie sammeln und welchen Weg sie nehmen. Niemand kann sagen, wo sie lagern, und nur in seltenen Fällen, wie lange. Kein Wunder, dass ich annehmen muss, dass meine Daten, nachdem sie mich verlassen haben, jederzeit gegen mich oder zum Nutzen anderer verwendet werden können. Gäbe es hier Transparenz, könnte es zu solchen Spekulationen nicht kommen.

Zum Menschenbild der ersten Schöpfung gehört der freie Wille – mit allem, was daraus werden kann. Es ist dafür zu sorgen, dass in einer zweiten Schöpfung dieser freie Willen nicht faktisch ausgelöscht wird. Eine Pointe der ersten Schöpfung kann man darin sehen, dass der erste Mensch nicht das Objekt der göttlichen Kontrolle war. Geht es so weiter wie bisher, dann wird eine Pointe der zweiten Schöpfung sein, dass die digitalen Götter sich dadurch an der Macht halten, dass sie eine Kontroll-Lücke schließen – indem sie eine Videokamera auch noch auf den Baum der Erkenntnis richten.

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