Quelle: Berliner Zeitung, 24.09.2011
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/wirtschaft/facebook-welt-nicht-genug/359832.php
Voller Begeisterung präsentierte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg am Donnerstagabend in San Francisco seine neuen Pläne. Foto: Bloomberg
Voller Begeisterung präsentierte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg am Donnerstagabend in San Francisco seine neuen Pläne.
Von Matthias Thieme
Berlin – “Wir werden das Universum verändern”, brüllte ein Comedian, der Facebook-Chef Mark Zuckerberg sehr ähnlich sieht. Zu sehen war die Show zu Beginn einer Entwicklerkonferenz in San Francisco. Facebook gibt sich selbstironisch.
Doch ganz ernst gemeint sind die Neuerungen für das soziale Netzwerk, die dort vorgestellt wurden: Befreundete Nutzer sollen künftig gleichzeitig ihre Lieblingsmusik hören, TV-Serien oder Filme anschauen können.
Der echte Zuckerberg erläuterte in seiner Präsentation auch, wie Nutzer die Möglichkeit erhalten sollen, eine Art Tagebuch zu schreiben, das zu so etwas wie einem Lebensarchiv ausgebaut werden kann.
Kritik von Datenschützern
Das Konzept hat enorme Sprengkraft. Zuckerberg will erreichen, dass die Nutzer künftig Facebook als Eingangstor zum Internet nutzen. Das ist ein Frontalangriff gegen den Rivalen Google, denn Facebook will damit letztlich Suchmaschinen wie die von Google überflüssig machen.
“Die Erweiterung der Facebook-Angebote ist ein gigantischer Schritt in den Medienkosmos”. So beschreibt Ben Elowitz, Chef des US-Multimediadienstes Wetpaint, die Neuerungen. Seine Firma war an der Entwicklung der neuen Anwendungen beteiligt. Facebook werde zum Dreh- und Angelpunkt für jede Nutzeraktivität und zum “sozialen Betriebssystem” des Internets, so Elowitz.
Die Runderneuerung von Facebook kommt zu einem Zeitpunkt, da es Google nach mehreren gescheiterten Anläufen gelungen ist, endlich in die Welt der sozialen Netzwerke einzusteigen: Google Plus ist seit einigen Tagen freigeschaltet und hat schon mehr als 25 Millionen Nutzer. Das ist allerdings noch meilenweit von den mehr als 800 Millionen Nutzern entfernt, die bei Facebook laut eigenen Angaben angemeldet sind. Für viele Experten besteht kein Zweifel, dass es beim Kampf Facebook gegen Google letztlich darum geht, welches Unternehmen zum Dominator in der noch immer schneller wachsenden Welt der Internet-Ökonomie wird.
Zielgenaue und personalisierte Firmenwerbung
Facebook musste noch aus einem ganz anderen Grund schnell handeln: Marktforscher erkennen insbesondere bei jungen, markenaffinen Nutzern eine wachsende Ermüdung in der Nutzung sozialer Netzwerke. Knapp ein Drittel fühlt sich bereits durch Facebook und Co. gelangweilt.
Diese Gruppe ist aber für die werbende Wirtschaft zentral. Um die Aufmerksamkeit dieser Konsumentengruppe zu sichern, seien neue attraktive Produkte nötig, empfiehlt der Marktforscher Gartner. Facebook will das nun offenbar durch die Verknüpfung mit Multimedia erreichen. Zugleich ist es Facebook mit dem digitalen Lebenslauf möglich, präzise Profile der Nutzer zu erstellen.
Mit diesen Daten können Firmen zielgenau, personalisierte Werbung platzieren. So könnte demnächst auf der Facebook-Seite eines Hobby-Langstreckenläufers die Werbung für neue Laufschuhe genau zu dem Zeitpunkt auftauchen, wenn die alten durchgelatscht sind. Branchenkenner vermuten, dass hier ein riesiger neuer Markt erschlossen werden kann.
Für Datenschützer ist die neue Facebook-Welt indes eine Horrorvision: “Die Nutzerinnen und Nutzer sollten sich ernsthaft überlegen, ob sie die Geschichte ihres Lebens, wie von Herrn Zuckerberg vorgeschlagen, auf Facebook erfassen lassen”, warnt Bundesdatenschützer Peter Schaar. “Jeder sollte sich bewusst sein, dass einmal eingetragene Daten der eigenen Kontrolle entzogen werden.” Facebook will auch Anwendungen anbieten, mit denen persönliche Daten automatisch veröffentlicht werden. Solche Einstellungen hätten in der Vergangenheit zu Verletzungen der Privatsphäre der Nutzer geführt.
Manipulierter Informationsfluss
Thilo Weichert, der unabhängige Datenschutzbeauftragte Schleswig-Holsteins, nennt die Pläne von Facebook “eine Katastrophe”, weil Nutzer ihre komplette Internetkommunikation “einem Unternehmen offen legen”. Er prophezeit: “Das Unternehmen wird diese hochsensiblen Informationen über alle Mitglieder für sich selbst nutzen und kommerziell ausbeuten.”
Manipulation und Diskriminierung seien die Kennzeichen des Informationsflusses bei Facebook, denn ohne das Wissen der Nutzer würden Facebook-Programme sie von bestimmten Informationen ausschließen und mit vermeintlich erwünschten Informationen überversorgen. “Ich kann jedem nur raten, entweder ganz die Finger davon zu lassen oder es sehr vorsichtig zu nutzen”, sagte Weichert. Für Insider ist es ein offenes Geheimnis, dass es einen florierenden weltweiten Handel mit Nutzerdaten gibt, der sich in einer rechtlichen Grauzone bewegt.
Für Rena Tangens vom Verein für Bürgerrechte und Datenschutz (Foebud) kann sich durch die neuen Facebook-Angebote der Charakter des Web komplett verändern. “Das Internet wird dann kein öffentlicher Raum mehr sein, sondern eine gated community, in der nur Facebook das Sagen hat.”
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